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Tokio - Böses Omen für Japans Konjunktur: Einen Tag vor Veröffentlichung des Bruttoinlandsprodukts für das dritte Quartal ist der Nikkei-Aktienpreisdurchschnitt am Montag das siebente Mal in Folge gestürzt - 15.197,09 Yen sind der tiefste Stand seit 15 Monaten.

Oberflächlich war ein Fall des Dollar-Wechselkurses auf unter 110 Yen der Auslöser. Anleger befürchten, dass sich durch den schwachen Dollar die Gewinne von Japans Firmen reduzieren.

Doch die Verunsicherung hat eine tiefere Ursache: Japans Wirtschaft bremst sich wegen der Hypothekenkrise in den USA und neuerdings wegen einer von der Regierung selbst verursachten Baukrise abrupt ein. "Die Revision unserer Prognose für das Haushaltsjahr 2007 vor einem Monat von 2,5 auf 1,9 Prozent ist nicht groß genug, eine weitere Senkung auf 1,2 Prozent ist notwendig", sagte Richard Jerram, Volkswirt von Macquaries Japan.

Der Großteil der Malaise ist selbst verschuldet: Weil die Regierung die Baurichtlinien verschärft hat und die Genehmigungsverfahren sich dadurch verlängern, ist der Baumarkt so stark wie nie zuvor eingebrochen. Im vergangenen Quartal ist die Zahl der Neubauten sowohl gegenüber dem Vorjahr als auch gegenüber dem Vorquartal um 37 Prozent gesunken.

Zwar erwarten Experten, dass dieser Einbruch nur vorübergehend ist. Dennoch seien die Auswirkungen auf die Wirtschaft trotz des kleinen Anteils des Hausbaus am Bruttoinlandsprodukt von real nur 3,4 Prozent groß, sagte Jerram.

Arbeitslosigkeit steigt Die Baukrise kommt für Japan denkbar ungelegen, denn andere Indikatoren weisen schon länger nach unten. So verliert Japans wichtigster Wachstumsmotor, der Export, wegen der Hypothekenkrise in den USA von seiner Pufferwirkung gegen externe Schocks. Glück im Unglück: Die Abhängigkeit vom US-Markt hat in den vergangenen Jahren abgenommen, so dass Exporte nach Asien und Europa die geringe Nachfrage in Nordamerika teilweise wettmachen.

Auch der zuletzt wieder steigende private Konsum ist gefährdet, weil nach jüngst veröffentlichten Daten das Verbrauchervertrauen auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gefallen ist. Ursache ist der Anstieg der Arbeitslosenrate von 3,6 auf 4,0 Prozent. Ein Grund dafür ist die Schwäche des Mittelstands. Die Myriaden an kleinen und mittleren Unternehmen haben als erste unter den wachsenden Rohstoff- und damit Einkaufspreisen zu leiden, da sie weder Kosten deutlich senken noch die steigenden Produktionskosten an ihre Kunden weiterwälzen können.

Obwohl die Volkswirte den Arbeitsmarkt weiter als robust bezeichnen, könnte der psychologische Effekt negativer Schlagzeilen den Konsum bremsen. Schließlich haben laut Credit Suisse die Japaner die Konsumbrise aus ihren Ersparnissen finanziert.

Japans Puffer gegen externe Schocks schmilzt rapid. Laut Goldman Sachs ist die Wahrscheinlichkeit einer Rezession Japans um fünf Prozentpunkte auf 40,5 Prozent geklettert.

Dies alles irritiert jedoch Notenbank-Chef Toshihiko Fukui nicht. Der hält kurz vor dem heutigen Zinsentscheid der Bank von Japan trotz schwacher Wachstumsdaten grundsätzlich an seiner Überzeugung fest, die mit 0,5 Prozent extrem niedrigen Zinsen weiter anzuheben. Er wisse, dass die Risiken für Japans Wirtschaft stiegen, sagte er vorige Woche. "Aber wir müssen größere Aufmerksamkeit auf die Risiken einer anhaltend lockeren Geldpolitik legen." (Martin Kölling, Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2007)