Brenner neu: Der meistbefahrene Alpenübergang soll eine "große lebendige Gaststätte" werden - Luxus-Einkauf inklusive.

Foto: Benedikt Sauer
Brennero/Brenner - Am Samstagnachmittag herrscht reger Betrieb in den leeren hohen Hallen. Es eilt. Dutzende Bauarbeiter verlegen Kabel, montieren Metallplatten, weit hinten hört man Bohrmaschinen. Über den Eingangstüren der Innenräume hängen die ersten in Nylon verpackten Firmenschilder, um deren Inschriften sich ein Mysterium rankt: Bata ist zu erkennen und Sisley, noch nicht jedoch Armani und Trussardi.

Ob die Großen der italienischen Modebranche wohl kommen werden? "Wir wissen nichts Genaues", sagt Paolo Casazza, der Sprecher der Kaufleute im Dorf, "es gibt nur Gerüchte." Und die besagen: Sie kommen eher nicht. Casazza steht vor seinem Lebensmittelladen, kehrt den Schnee weg vor dem Eingang. Der frühe Wintereinbruch auf dem Pass in 1400 Meter Seehöhe stört ihn kaum. "Die lange kalte Jahreszeit sind wir gewohnt."

Spätestens in drei Wochen wird die Geheimniskrämerei ein Ende haben. Am 30. November öffnet mit dem Designer Outlet Brennero (DOB) eines der größten Factory-Outlets weithin: In 70 Shops mit 13.000 Quadratmeter Fläche im Endausbau soll Markenware der Bekleidungsindustrie verkauft werden. Das vierstöckige Parkhaus hat 1200 Pkw-Stellplätze, und wenn die nicht reichen, können zwei Etagen aufgestockt werden. 30 Millionen Euro haben die sieben Teilhaber investiert, je die Hälfte halten Tiroler und Südtiroler. Der Innsbrucker Nikolaus Huter ist Hauptaktionär, und ein Neffe des früheren Tiroler Landeshauptmanns Alois Partl ist auch dabei.

Alle sollen etwas haben
Die Investoren setzen auf massenhaften Zwischenstopp österreichischer und vor allem deutscher Italienurlauber an der "verkehrstechnisch einmalig erschlossenen Ortschaft". Eine neue zweite Autobahnausfahrt soll das Anhalten erleichtern. 500.000 Kunden im ersten Jahr und "dreimal so viele nach zwei Jahren" - damit rechnet der Bürgermeister. Christian Egartner von der Südtiroler Volkspartei kommt ins Schwärmen. "Wir rechnen mit 100.000 Euro Steuereinnahmen im Jahr." Davon sollen alle etwas haben: "Kein Bürger wird mehr für seine Erstwohnung Steuer zahlen müssen."

So viele sind es gar nicht mehr, die zahlen könnten. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich die Einwohnerzahl von 900 auf zuletzt 120 reduziert - genau so viele Arbeiter sind derzeit im Ort beschäftigt. Auch die Familie des Lebensmittelhändlers Casazza ist in die 20 Kilometer entfernte Kleinstadt Sterzing gezogen, "der Kinder wegen", sagt seine Frau. Die letzte deutsche Volksschulklasse im zweisprachigen Grenzdorf wurde vor zehn Jahren geschlossen, nachdem sich der Ortspfarrer vergebens in den Landhäusern von Innsbruck und Bozen um einen gemeinsamen Schulbesuch von Nord- und Südtiroler Kindern bemüht hatte.

Nur den italienischen Kindergarten gibt es noch, den nach zähem Ringen auch sechs Tiroler Kinder aus dem nahen Gries besuchen dürfen. Der engagierte Pfarrer hatte resigniert und die "wohl einzige überstaatliche Pfarre Europas" verlassen. Nach 267 Jahren ist der Ort ohne Seelsorger. "Jetzt", sagt der Bürgermeister nüchtern, "ziehen gerade wieder sechs Familien weg."

"Das ist kein Dorf"

Sie gehen, weil der Brenner nun grundlegend seinen Charakter ändert im Schatten des Kolosses am Dorfeingang. "Das ist kein Dorf mehr", sagt der Gemeindearbeiter Claudio Capuzzo, der 23 Jahre hier gelebt hat. Auch grenzüberschreitende Kulturinitiativen hören auf: Sie hatten einen alten italienischen Militärbunker reaktiviert und das seit Österreichs EU-Beitritt verlassene Zollhaus mit Lesungen und Kleinkunst belebt. Jetzt ragt das große Shopping-Center dem Zollhäuschen bis vor die Tür, das Parkhaus markiert mit seinen Außenmauern die Staatsgrenze: Kein Meter Boden wird verschenkt. Paolo Casazza hat Zweifel, ob es funktioniert: "Die Urlauber wollen rasch in den Süden. Und auf der Heimfahrt haben sie kein Geld." Wie alle Kleinhändler hier hofft er doch, dass etwas abfällt auch für ihn.

Der Bürgermeister denkt schon weiter: Im Süden sollen die einstigen Wohnhäuser der Grenzbeamten einem zweiten Megamarkt "für Lebensmittel und mit einem Kino" weichen. Die Vision zur Dorferneuerung hatte Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder formuliert: Der Brenner, meistbefahrener Alpenübergang, "soll eine große lebendige Raststätte" werden. (Benedikt Sauer/DER STANDARD – Printausgabe, 13.11.2007)