Birgit Beck ist ausgebildete Ernährungswissenschafterin und Projektleiterin Ernährung des VKI (Verein für Konsumenteninformation)

Foto: Verein für Konsumenteninformation

Die wenig erfreulichen Pestizidwerte bei konventionellen Trauben im Vergleich zu den Bioprodukten aus dem Testmagazin "Konsument" 11/2007.

Grafik: "Konsument" 11/2007
Weintrauben aus Österreich sind in den Obst- und Gemüseregalen nicht zu finden. Der Grund dafür: Der Anbau von Tafeltrauben (Trauben für den Frischverzehr)ist laut "Konsument" hierzulande erst im Versuchsstadium. Konventionelle kernlose Trauben kommen deshalb aus Spanien, Griechenland, Marokko oder aus der Türkei. Seit Jahren sind sie stark pestizidbelastet. Auch heuer wieder. Birgit Beck, die für den Verein für Konsumenteninformation insgesamt 20 Proben testete, sieht als einzige Alternative Biotrauben mit Kernen. Nur diese schnitten hervorragend ab.

derStandard.at: Der Konsument schreibt in seiner aktuellen Ausgabe von "schlicht alarmierenden Testergebnissen", warum?

Beck: Bei einem Fünftel der Proben haben wir Rückstände über dem Grenzwert gefunden. Zusätzlich sind in allen Traubenproben, mit Ausnahme jener aus biologischer Landwirtschaft, Rückstände nachweisbar. Teilweise bis zu neun verschiedene.

derStandard.at: Es ist in den Medien seit Jahren immer wieder von den unbekannten "Pestizidcocktails" in Weintrauben die Rede. Wie ist das möglich?

Beck: Wenn ich so wie bei unseren Proben neun Pestizide in einer Traube finde und mit allen neun gerade noch unter dem Grenzwert bin, dann gilt das Produkt unter der Lebensmittelgesetzgebung als genauso sicher wie ein Produkt, in dem keine Rückstände nachweisbar sind.

derStandard.at: Bei den Testergebnissen des VKI gewinnt man den Eindruck: Egal aus welchem Land und egal welche Sorte: Kernlose Trauben sind stark pestizidbelastet. Stimmt das?

Beck: Das ist richtig. Bei unseren Proben war vor allem ein Hersteller aus der Türkei betroffen aber es gab auch Grenzüberschreitungen bei griechischen Trauben. Wenn man die Belastung von der Anzahl der Rückstände betrachtet, dann ist die Herkunft bunt gemischt: da ist Italien, Spanien, Türkei, Marokko.... alle Länder sind dabei.

derStandard.at: Das Problem der Pestizidbelastung ist seit 20 Jahren bekannt, trotzdem gibt es jedes Jahr neuerlich "Horrormeldungen". Warum ändert sich Ihrer Meinung nach nichts?

Beck: Schwierige Frage. Laut dem letzten Greenpeacebericht ist die Situation in den letzten Jahren etwas besser geworden. Wir setzten uns allerdings dafür ein, dass jede Traube, die ein Konsument kauft, sicher sein sollte. Und derzeit ist die Situation so, dass man nur Bioprodukte empfehlen kann, da nur diese bei unseren Testergebnissen frei von Rückständen waren.

derStandard.at: Obwohl die Pestizidbelastung bei kernlosen Trauben bekannt ist, werden sie gerne gekauft. Wie erklären sie sich das ambivalente Konsumentenverhalten?

Beck: Ich denke, weil die Trauben einfach gut schmecken. Gewissen Sachen weiß man und man denkt "Es wird schon nichts passieren." Zusätzlich gibt es keine unmittelbaren Auswirkungen, selbst wenn der Grenzwert überschritten wird. Anders ist das zum Beispiel bei salmonellenbelasteten Eiern. Zusätzlich enthalten alle Biotrauben die ich kenne Kerne und diese werden von Kindern nicht gerne gegessen.

derStandard.at: Gibt es Untersuchungen zu den gesundheitlichen Auswirkungen, vor allem bei Kindern?

Beck: Nein, dazu gibt es keine Untersuchungen. Das kann vermutlich kein Mensch beantworten, da man es einfach nicht weiß. Pestizide sind eine sehr inhomogene Substanzgruppe. Zusätzlich weiß man auch nichts über die Wechselwirkungen. Deshalb sind gesundheitliche Folgen schwer abzuschätzen. Ich würde sie Kindern nicht geben. Aufgrund unserer Ergebnisse kann ich vor allem für Kleinkinder nur Trauben aus biologischer Landwirtschaft empfehlen.

derStandard.at: Pestizide sind zum Beispiel in der Muttermilch nachweisbar. Weiß man in welchen Organsystemen sie sich ablagern?

Beck: Bei den Pestiziden gibt es fettlösliche und wasserlösliche Substanzen. Fettlösliche werden im menschlichen Körper im Fettgewebe gespeichert, abhängig von der Substanzgruppe und der Substanzklasse.

derStandard.at: Kernlose Trauben werden auch für die Rosinen verwendet. Heißt das, dass man bei Rosinen mit ähnlichen Pestizidbelastungen rechnen muss?

Beck: Wir haben Rosinen nicht untersucht. Auch die Stiftung Warentest hat keine Untersuchungen dazu. Das lässt sich ad hoc nicht beantworten. Die Frage ist allerdings, wie hitzebeständig Pestizide sind und ob diese durch den Trocknungsprozess zerstört werden. (nia)