Bild nicht mehr verfügbar.

Roger Spry macht in der schneefreien Lindabrunner Turnhalle den Österreichern eher Arme als Beine.

Foto: Reuters/Bader

Lindabrunn/Wien – Ein österreichischer Teamspieler ist gestresst. Leute, die behaupten, Fußballer hätten nichts zu tun, und man würde ihnen zusätzlich alles in den Hintern schieben, sind erstens ahnungslos und zweitens am Dienstag nicht in der Sportschule Lindabrunn gewesen. Nämlich genau dort befand sich die Schneefallgrenze, die Plätze waren zugeschneit. Das Testspielchen gegen die U19-Akademie Hollabrunn musste spontan ins um ein paar Meter tiefer gelegene Wien verlegt werden, auf das Trainingsgelände neben dem Happel-Stadion. Das bedingte zwei einstündige Busfahrten, eine hin, eine zurück. Österreich siegte gegen Frank Stronachs arme Buben 6:0 (4:0), die Treffer erzielten Roman Kienast (2), Kapitän Andreas Ivanschitz, Christoph Leitgeb, Rene Aufhauser und Veli Kavlak.

So ein Wintereinbruch ändert das Leben radikal. Am Vormittag musste in der Turnhalle geübt werden, Konditionstrainer Roger Spry hatte den Kassettenrekorder aufgedreht, die Kicker tanzten mit dem Ball zur Musik. Man hatte das Gefühl, dass einige den Blues (Samba) bereits in den Beinen haben, es kann aber auch eine optische Täuschung gewesen sein. Von wegen der Wunsch ist der Vater des Gedankens beziehungsweise der Gedanke des Wunsches Sohn. Natürlich wird dem Match gegen England entgegen gelechzt, der Freitag ist nicht mehr weit weg. Das weiß auch Verbandspräsident Friedrich Stickler, der den Weg nach Lindabrunn nicht gescheut hatte. Nach dem Abendessen sprach er zur Mannschaft. Vermutlich wurde die Wichtigkeit der EUR0 2008 im eigenen Land betont.

Spry ist Engländer, er hält „zu 100 Prozent“ zu Österreich. In dieser globalisierten Welt sei man Fan desjenigen, „der dich bezahlt. Und weil es schön ist, dass der Kleine den Großen reizen will.“ Fünf Tage später, wenn seine Landsleute gegen Kroatien kicken, sei er Patriot: „Weil England zu einer Europameisterschaft gehört. Die Lage ist angespannt, man ist von anderen Resultaten abhängig.“

Die Kugel im Kreis

Spry schätzt eher die südamerikanische Spielweise, in England gebe es zwar gute Trainer und tolle Spieler, „trotzdem ist mein Respekt nicht ganz so groß. Obwohl es wahnsinnig professionell zugeht.“ Vor ein paar Tagen hat er das Match Rapid gegen Mattersburg gesehen, es hat ihm gut gefallen. „Ihr könnt Fußballspielen.“ Dann fügte er logischerweise ein Aber hinzu: „Das Tempo ist im internationalen Vergleich zu niedrig, es geht alles viel zu langsam.“ Womit er ein uraltes Problem angesprochen hat, in Österreich dreht sich die Kugel eben doch nur im Kreis.

Teamchef Josef Hickersberger ging auch ins Grundsätzliche. Gegen England müsse man versuchen, Tempo aus dem Spiel zu nehmen und den Ball zu halten. „Leider verlieren wir ihn zu oft. Das liegt daran, dass schon die Kinder Ergebnisse bringen müssen, auch um den Ehrgeiz der Eltern zu befriedigen. Dabei sollten sie erst das Spiel lernen.“

Er meinte noch, die elf besten Kicker eines Landes machten nicht das beste Nationalteam. „Man muss schauen, wer mit wem kann. Soziale Fähigkeiten sind entscheidend.“ Die Mannschaft wird mit jener fast ident sein, die die Elfenbeinküste 3:2 geschlagen hat. Jürgen Macho hütet statt Helge Payer das Tor, Martin Stranzl rutscht natürlich in die Anfangsformation. Der Austrianer Joachim Standfest leidet an einem grippalen Infekt, er sollte aber rechtzeitig gesund werden. György Garics hat für seine Familie und Freunde im letzten Moment acht Karten besorgt. Gegen Bezahlung. Stress pur. (Christian Hackl - STANDARD PRINTAUSGABE 14.11. 2007)