Hatte Unterrichtsministerin Claudia Schmied recht mit ihrer Entscheidung, sich bei der Schulreform auf den halbherzigen Kompromiss mit der ÖVP einzulassen? Nein, sagen viele. Die Konzessionen an die Verteidiger des Status quo sind so schwerwiegend, dass vom Ziel der Neuen Mittelschule zu wenig übrigbleibt.

Ich meine: Sie hatte trotzdem recht. Wenn die paar Schulen, die den neuen Weg versuchen, wirklich gut werden, ist eine Bresche in die Betonmauer der Zwei-Klassen-Schule geschlagen, die sich mit der Zeit ausweiten könnte.

Eltern überlegen sich neuerdings sehr genau, in welche Schule sie ihre Kinder schicken. Sie wollen das Bestmögliche. Wann immer es geht, ist das in der Großstadt die AHS, sodass die Hauptschule die Lehranstalt der in jeder Hinsicht ärmsten Teufel geworden ist. Wenn es also am Schulstandort auch eine AHS gibt, sagen die Kritiker, dann wird die Neue Mittelschule in der Praxis einfach nur zum Ersatz für die Hauptschule werden.

Aber das muss nicht zwangsläufig so sein. Wenn die besten, engagiertesten, kreativsten, an der Schulentwicklung am leidenschaftlichsten interessierten Lehrer und Lehrerinnen an die neuen Schulen strömen, dann wird das auch auf die Eltern der AHS-Schüler seine Wirkung nicht verfehlen. Diese werden sich sagen: lieber eine erstklassige Neue Mittelschule als ein mittelmäßiges Gymnasium. Claudia Schmied wird dann gewonnen haben, wenn sie auch begabte "bürgerliche" Kinder, die normalerweise in einer AHS landen würden, an ihre Schulen bringen kann. Dass das geht, beweist die "kooperative" Schule in der Wiener Anton-Krieger-Gasse, in der Schüler aus allen sozialen Schichten mit Erfolg unterrichtet werden.

Leicht wird der Weg nicht sein. Denn natürlich würde eine Schulreform von dieser Bedeutung auch mehr Geld, mehr Schwung, mehr Einsatz der ganzen Regierung brauchen und nicht Bremsmanöver und Schlechtrederei von allen Seiten. Dabei fällt auf, dass die Unterrichtsministerin auch aus ihrer eigenen Partei nicht allzu viel Unterstützung bekommt. Vom Bundeskanzler hört man wenig. Er wirkt eher wie ein wohlwollender Zuschauer denn wie ein Reform-Antreiber, bei dem die Letztverantwortung liegt. Man hat sich daran gewöhnt, bei heiklen Themen zuerst zu fragen: "Was sagt Molterer?" und nicht: "Was sagt Gusenbauer?"

Die Unterrichtsministerin und ihre Reformpläne haben Sympathien in der Öffentlichkeit und bei den Experten, aber politisch scheint Claudia Schmied ziemlich allein zu stehen. Auch von den Grünen ist bisher nur Kritik gekommen, keine Unterstützung. Sie finden den Schulkompromiss zu zahnlos. Das stimmt, aber was wäre die Alternative gewesen? Einfach alles hinschmeißen und auf die nächste Wahl warten?

Es gibt Kompromisse, die inakzeptabel sind, weil man für sie wichtige Grundsätze aufgeben muss. Das war beim Fremdenrecht der Fall, dem die SPÖ zu ihrer Schande zugestimmt hat und wofür sie jetzt vom Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs zu Recht indirekt gerügt worden ist. Beim Schulkompromiss liegen die Dinge anders. Er bringt zu wenig, aber er bringt nichts Falsches.

Claudia Schmied ist neben der Justizministerin Maria Berger einer der raren Lichtblicke in dieser trostlosen Koalition. Sie - und noch mehr ihr Anliegen - hätte es verdient, dass diejenigen, die mit gutem Grund über die Regierung schimpfen, ihr jetzt zur Seite eilen. (DER STANDARD Printausgabe, 14. November 2007)