Was passiert, wenn man drei Unternehmer und zwei Wissenschafter in einen Raum setzt und ihnen Mikrofone gibt? Sie streiten sich. Natürlich ganz gesittet, voller Respekt, sanft im Ton, scharf in der Argumentation. So geschehen bei der Podiumsdiskussion "Forschung und Industrie" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am vergangenen Freitag.

Die Diskussion, die sie führten, ging auf einen alten Streit zurück zwischen zwei scheinbar unversöhnlichen Forschungsrichtungen: der angewandten Forschung einerseits und der Grundlagenforschung andererseits. Die angewandte Forschung wird in erster Linie von der Wirtschaft propagiert: Erforscht werden soll, was verkauft werden kann. Grundlagenforschung sehen die Unternehmer hingegen als Spielwiese für Wissenschafter - was kein Geld bringt.

"Alles Schnee von gestern!", eröffnete Hartmut Kahlert das Duell. "Die Industrie betreibt mittlerweile auch Grundlagenforschung, und an den Universitäten gibt es immer mehr angewandte Forschung." Als Vizepräsident der Christian-Doppler-Gesellschaft versucht er die zwei Forschungsrichtungen zusammenzubringen. In den CD-Labors an Universitäten, gefördert von der öffentlichen Hand und von der Wirtschaft, soll Grundlagenforschung anwendbar gemacht werden.

Ganz anders sah das Johann Eibl, als Gründer der Immuno AG ein Vertreter der Wirtschaftsseite: "Wir leisten uns zu viel freie Forschung", meinte er, "das Problem ist aber, dass der Nachwuchs gar nicht weiß, was er erforschen soll." Besser sei es, meinte er, wenn schon Studierende wüssten, was die Wirtschaft benötigt. Er räumte allerdings ein, dass man auf Uni-Forscher angewiesen sei.

"Mehr Unternehmergeist"

Sein Pharmakollege Jan de Vries, Chef der Novartis-Forschung in Wien, stimmte ihm zu: "Es gibt noch immer eine gewisse Naivität, was die Anwendbarkeit von Forschung betrifft. Es bräuchte mehr Unternehmergeist!" Das heiße nicht nur ein Gespür für die Wünsche der Kunden, sondern auch den Willen, das zu liefern.

Kahlert konterte mit einem Beispiel: An seinem Uni-Institut für Festkörperphysik werde mittlerweile hauptsächlich Tinte erforscht, mit der man elektronische Schaltkreise künftig einfach aufspritzen könnte, also angewandte Forschung: "Es stimmt einfach nicht, wenn man sagt, dass die Wissenschafter im Elfenbeinturm sitzen." Und er befürchte sogar "volkswirtschaftliche Schäden", wenn es gar keine Grundlagenforschung mehr geben sollte.

Da mischte sich Wolfgang Leitner ein, Vorstandsvorsitzender des Maschinenbauers Andritz. Er ortete ein ganz anderes Problem: "Es mangelt an guten Ideen", die erforscht werden könnten. Und Immuno-Gründer Eibl stimmte ihm zu: Angeblich sei der Pharmahersteller Pfizer schon zufrieden, wenn eines aus tausend Forschungsprojekten erfolgreich sei. Auf die Dauer werde der Markt das aber selbst regeln, meinte er: "Die Universitäten dachten lange, sie könnten der Wirtschaft vorgeben, was erforscht wird. Das hat sich spätestens durch die Fachhochschulen geändert."

Ganz wohl war den beiden Uni-Vertretern sichtlich nicht bei dem Gedanken, dass der Markt bestimmt. Aber sie einigten sich dann doch mit den Wirtschafts-Vertretern auf einen gemeinsamen Standpunkt: Vor den nächsten fünfzig Jahren müsse sich kein Forscher fürchten. (Jens Lang/DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2007)