Bild nicht mehr verfügbar.

Unbedenklichkeits- zeugnis von höchster Stelle: der amerikanische Präsident George W. Bush beim Kolben-Test.

Foto: Reuters/Jason Reed
Betrifft: Gerfried Sperl meldete in seiner Kolumne über die Widersprüche der Gen-Debatte Zweifel an der Aufrichtigkeit der Argumente an.

der Standard, 5. 11. 2007

Ja, die ÖsterreicherInnen wollen gesunde Nahrungsmittel. Bio und die Gentechnikfreiheit sind Indizien der Qualität, was soll daran falsch sein?

Auch wenn es nicht augenscheinlich sein mag, selbstverständlich schaut das in der Medizin ganz anders aus. Nicht ohne Grund dürfen viele Medikamente nicht frei verkauft werden. Der erhoffte Nutzen bei Medikamenten ist häufig dermaßen groß, dass Risiken in Kauf genommen wird.

Selbst wenn wir die Risiken von Gentech-Pflanzen für die Umwelt und Gesundheit außer Acht lassen würden, welchen Nutzen sollen uns Gentech-Pflanzen bringen? Der von der Biotech-Industrie versprochene höhere Ertrag hat sich bisher als leeres Versprechen entpuppt. Gleichzeitig hat sich der Pestizideinsatz durch Gentech-Pflanzen erhöht. Studien belegen, dass Gentech-Pflanzen bestenfalls den selben Ertrag erbringen wie normale Pflanzen. Der Massensuizid indischer Baumwollbauern nach Missernten in Folge des Einsatzes der Gentech-Baumwolle von Monsanto macht klar, wie falsch die Verheißungen auf dem Acker sind.

Die Behauptung, Gentechnik würde das weltweite Hungerproblem in den Griff bekommen, klingt vielleicht moralisch bestechend, hält aber genauerer Prüfung nicht Stand. Die Gentechnik schafft zusätzlich Abhängigkeit von wenigen großen Konzernen. Am Rande erwähnt sei auch, dass in Europa massenhaft Nahrungsmittel vernichtet werden, um die Preise stabil zu halten und der überwiegende Anteil der Gentech-Pflanzen in Tiermägen landet.

Jens Karg

Gentechnik-Sprecher der Umweltorganisation Global 2000

Viel für den Kompost

Gerne habe ich bisher Ihre Kolumnen gelesen, aber auf eine dermaßen verkürzte Darstellung der Gentechnik-Debatte muss ich reagieren.

Die angesprochene Widersprüchlichkeit ist gerade auf eine Verkürzung zurückzuführen, die nicht berücksichtigt, dass es einen kapitalen Unterschied zwischen grüner (Agro-)Gentechnik und medizinischer Gentechnik gibt.

Die Unterschiede liegen in der Freisetzung in ein natürliches Ökosystem und die Gefahr der Kontamination von Wildpflanzen gleicher Art (Getreide sind auch nur Gräser) was bei medizinischen Reagenzglas-Versuchen keine Gefahr darstellt.

Sie zitieren Norman Ernest Borlaug ("Initiator der grünen Gentechnik") mit den Worten, ohne den gemachten Fortschritt wäre "alles unter den Pflug gekommen, um das nötige Getreide zu produzieren" ohne zu hinterfragen ob wir denn so viele Agrarprodukte brauchen, wie wir täglich entsorgen und produzieren.

In einem Punkt geben ich Ihnen dennoch Recht: Die Forderung einer politischen Kontrolle ist mehr als gerechtfertigt: Stephan Pabst

per Internet

Ursachen des Hungers

Als Erdenbürger der "ersten Welt" stellen sie sich auf die Spitze des Podestes. Mit vollem Bauch geben sie gut gemeinte Ratschläge für die Lösung der Hunger- und Umweltprobleme der "dritten und vierten Welt". Ihre damit vorgenommene Hierarchisierung entwertet und entwürdigt andere Gesellschaften.

Die geistige Nahrung beziehen sie vom Interview mit dem Nobelpreisträger Ernest Borlaug, wie einer Teilnahme am Weltwirtschaftsgipfel. Selektiv werden einzelne Punkte herausgepickt, freilich der Gesamtzusammenhang geht verloren.

Zur Ernüchterung empfehlen wir Ihnen die Lektüre von Vandana Shiva. Es gibt eine unzählige Vielfalt an Sorten, die nahrhafter und ökologisch stabiler (weniger Krankheits- und Schädlingsanfällig) sind, zudem mit einem Bruchteil an Dünge- und Spritzmitteln auskommen und deren Samen seit Generationen weitergegeben werden. Wieso also den Weg einer Spezialisierung einschlagen, einhergehend mit dem Verlust an Tier- und Pflanzenvielfalt, wenn bestehende Sorten besser für die Bodenfruchtbarkeit, für Natur und Mensch gesamt sind und der Bauernschaft Entwicklungschancen bieten.

Die Gentechnik ist nicht die Heilslösung. Zu sehr überwiegen die Nachteile wie der Verlust an Biodiversität, größere Abhängigkeit von Saatgutfirmen (samt Düngemitteln und Pestiziden) und nicht absehbare Risiken für Mensch und Natur. Außerdem ist zu bedenken, dass, wie auch die UNICEF feststellt, die Ursachen für Unterernährung in der Armut, fehlender Bildung und Benachteiligung von Menschen liegen - es geht also auch um Verteilungsfragen.

Es wäre erfreulich, wenn Sie diese Punkte in einer ihrer nächsten Analysen mitbedenken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2007)