Wenn die Nebel wallen, nimmt sich das Plättenfahren in Altaussee nicht minder idyllisch aus wie zur Zeit der Sommerfrische.

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"Einer von diesen unwirklich schönen Sommertagen. Andachtsblau der Himmel, lustblau der See. Dazwischen helles Kalkgebirge, Wiesengrün und Waldgrün." So beschreibt Alfred Komarek das Ausseerland in seinem Roman "Die Villen der Frau Hürsch". Aber auch im Herbst, wenn der See quecksilberfarben daliegt und der Wald sich schon gelb gefärbt hat, kommt die Bourgeoisie gern nach Altaussee. Die BMWs und Audis vor dem Hotel Seevilla tragen in dieser Saison Münchner oder Salzburger Kennzeichen, aber auch ein paar Wiener finden sich darunter, ganz wie es die Tradition gebietet.

Die Sonnenstrahlen sind so milde, dass ein paar Verwegene sich zum Frühstück noch auf die Terrasse setzen, während drüben im Toten Gebirge schon die Gipfel weiß herbeiblitzen. Ruhig ist es hier um diese Jahreszeit, so ruhig, dass die Spaziergänger auf ihrer Runde um den See kaum Gleichgesinnte treffen. Die Villen der Prominenz sind schon verlassen und warten gelassen auf die Heimkehr der Hausherren zur nächsten Sommerfrische. Auch die "Seevilla" war einst ein Privathaus, erbaut 1880 für László Wagner, Professor an der Universität für Bodenkultur in Budapest, der im Sommer in Altaussee residierte. Von hier kannte er, selbst Mäzen und Musikliebhaber, Johannes Brahms. In der Folge fanden in der Villa viele private musikalische Veranstaltungen statt; als die Schar der Zuhörer immer mehr zunahm, wurde kurzerhand ein Musikpavillon angebaut. Zu dessen Einweihung am 25. August 1882 wurden Brahms’ Stücke "Frühlingsquintett" und das Klaviertrio op. 87 unter Mitwirkung von Brahms und Wagner von Laien uraufgeführt.

Daran erinnert in der Seevilla, die seit 1976 als Hotel genutzt wird, das so genannte Brahms-Café, in dem auch heute abends musiziert wird. So spielt bei einem Nostalgieabend Frau Ingrid Falkensteiner am Flügel. Wem Alleinunterhalter allein zu wenig Unterhaltung sind, versucht sich im Ort, aber in der Nachsaison scheinen alle Gastwirtschaften ab 22 Uhr geschlossen zu sein, und der Kontakt zu den Einheimischen, das beschreibt schon Komarek, ist nicht so leicht geschlossen, weil ein Gast ein Gast bleibt, und der weiß eben nicht, wo nach 22 Uhr noch ein Glaserl ausgeschenkt wird.

So bleibt nur, eine Nase voll Nadelduft in der nahegelegen Sole-Inhalationsfreiluftanlage zu nehmen. Macht nichts, das Hotel sperrt sowieso um elf die Pforten. Umso ausgeruhter kann der Gast am nächsten Morgen bestaunen, wie angenehm das Gold der Birkenblätter mit den Brokatvorhängen der Brahms-Suite korrespondiert. Im neuausgebauten Wellnessbereich herrscht hingegen strenge, aber stilsichere Klarheit, selbst in der Sauna hat man Blick auf den See, hin paar Schritte nur über den Granitboden und – eintauchen. (Tanja Paar/DER STANDARD/Rondo/16/11/2007)