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Oberst Stauffenberg führte am 20. Juli 1944 einen Bombenanschlag auf Hitler im Führer-Hauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen aus. Das Attentat misslang und Stauffenberg wurde erschossen.

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Berlin - Anlässlich des 100. Geburtstags des Wehrmacht-Offiziers und Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, vor einer "Mythenbildung" um den Hitler-Attentäter gewarnt. Aufgabe der Historiker sei es, "diese Mythenbildung, diese Erzeugung von Fraglosigkeit zu zerstören" und einer Heroisierung entgegenzuwirken, sagte Steinbach am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet sich im sogenannten Bendlerblock in Berlin, in dessen Hof Stauffenberg und andere Mitverschwörer erschossen wurden.

Steinbach sagte, der Hitler-Attentäter sei ein vielschichtiger Mensch gewesen, der lange die Ziele des Nationalsozialismus bedingungslos geteilt habe und erst 1942/43 allmählich zum Gegner geworden sei. Das Spannende an seinem Weg sei die Überwindung der eigenen Positionen. Die Fragen, welche Traditionen er mobilisiert habe, wie er versucht habe, andere zu überzeugen, und wie er sich schließlich auf das Attentat vorbereitet habe, seien "mit einer Heroisierung überhaupt nicht in den Griff zu bekommen", sagte Steinbach.

Beweggründe

Nach Ansicht des Historikers Hans Mommsen ist Stauffenberg, 1907 geboren, vor allem von den Geschehnissen an der Ostfront nach 1941 zu seinem missglückten Attentat auf Adolf Hitler bewegt worden. Pro Monat seien dort 109.000 deutsche Soldaten gestorben oder vermisst worden, sagte Mommsen am Mittwoch. Stauffenberg habe schon vor dem Untergang der 300.000 Mann starken 6. Armee in Stalingrad (Ende Jänner/Anfang Februar 1943) erkannt, dass diese Geschehnisse die deutschen Ersatzmöglichkeiten überforderten.

"Architektur der Motive"

Neben der Verantwortung für seine Soldaten hätten bei Stauffenberg natürlich auch moralische Motive eine Rolle gespielt, sagte Mommsen. So habe er sich an der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen und der Juden gestört sowie an den Menschenjagden auf Ostarbeiter, die als Arbeitskräfte nach Deutschland verbracht werden sollten. "Das ist eine Architektur der Motive", erläuterte Mommsen. "Er wollte natürlich verhindern, dass eine Situation entsteht, in der das Reich überhaupt nicht mehr handlungsfähig war." Er habe von Anfang an erklärt, Hitler töten zu wollen. "Er wusste, dass Hitler nicht durch Beschwörungen von seinem Kurs abzubringen war", sagte Mommsen.

Unter den gegebenen Umständen habe es für Stauffenberg keine Alternative dazu gegeben, das Attentat am 20. Juli auf Hitler selbst auszuführen. Die Generalfeldmarschälle und die Oberkommandierenden seien zu feige gewesen. "Da sind gleichsam die Obristen anstelle der Armeeoberen getreten", sagte der Historiker.

"Ungünstige Materiallage"

Neue Erkenntnisse über Stauffenberg und den 20. Juli wären nach Ansicht Mommsens zwar wünschenswert, aber schwer zu bekommen. "Das Problem ist, dass die Materiallage nicht sehr günstig ist", sagte er. Aufschlüsse über den Widerstandskämpfer könnten sowjetische Archive geben. So habe sich Stauffenberg darum bemüht, russische Hilfswillige an der Ostfront aufzubauen. 300.000 Mann habe er schätzungsweise zur Unterstützung der deutschen Armee angeworben. Aufklärungsbedarf sieht Mommsen unter anderem bei der Frage nach dem Schicksal dieser Hilfskräfte.

Hintergrund

Oberst Stauffenberg führte am 20. Juli 1944 einen Bombenanschlag auf Hitler im Führer-Hauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen aus und plante mit Mitverschwörern einen anschließenden Staatsstreich. Doch die Explosion entfaltete nicht die erwartete Wirkung und Hitler überlebte. Stauffenberg wurde noch in der Nacht nach dem Attentat in Berlin standrechtlich erschossen. (APA/dpa)