Ein Mann, der die Dinge gerne unauffällig aus dem Hintergrund lenkt: Denzel Washington als Frank Lucas in Ridley Scotts Mafiadrama "American Gangster"

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... als Mann, der moderne Geschäftsideen hegt, aber trotzdem Traditionen treu bleibt.

Wien – Mit seinen exzentrischen Vorgängern, die ihre gesellschaftliche Rolle auch immer offen zur Schau stellten, hat Frank Lucas nicht viel gemein. Er verkörpert den modernen Gangster und ist eindeutig ein Mann seiner Zeit – er stehe als schwarzer Geschäftsmann gar schlechthin für Fortschritt, wird sein zähester Gegenspieler am Ende einmal zu ihm sagen.

Zu Beginn des Films hat Lucas eine geniale Idee, die eigentlich einer Klage über den Wandel der Zeit entstammt. Mit seinem Ziehvater betritt er einen Laden, in dem Billigelektronikgeräte verkauft werden. Was für den Älteren ein Zeichen des Niedergangs des Unternehmertums ist – die Mittelsmänner werden bei der Beschaffung von Produkten umgangen, damit man diese günstiger verkaufen kann –, wird für den Jüngeren zur Inspiration: Lucas begreift, dass man sich Ende der 60er-Jahre an die veränderten Bedingungen des Kapitalismus anpassen muss.

Wie jeder gelungene Gangsterfilm erzählt also auch Ridley Scotts "American Gangster" von einer florierenden Schattenwirtschaft. Frank Lucas gibt es wirklich: Er ist heute 77 Jahre alt und längst ein Mythos. In den 70er-Jahren stieg er zum ersten großen afroamerikanischen Mobster auf, mit einem Erfolgsrezept, das ebenso simpel wie bestechend war: Er verschaffte sich die Kontrolle über das Drogengeschäft, indem er den besten Stoff direkt aus Vietnam in den Särgen gefallener US-Soldaten ins Land einschmuggeln ließ. Die Konkurrenz besiegte er, indem er das bessere Produkt zum halben Preis unter dem coolen Label "Blue Magic" vertreiben ließ. Eine amerikanische Erfolgsgeschichte, die wie ein neoliberaler Glücksfall klingt, aber eines äußerst maroden Systems bedurfte, um zu gelingen.

Lucas wird in "American Gangster" von Denzel Washington gespielt, eine gute Wahl, da der US-Schauspieler eher zur Zurückhaltung als zum Ausagieren neigt. Sein Aufstieg zum wichtigsten Mann von Harlem geschieht mit ebenso großer Konsequenz wie Zurückhaltung. Der Film zeigt Lucas als Kriminellen mit eisernen Prinzipien, der auf keinen Fall auffallen will.

Er verachtet andere Ganoven, die sich wie Pimps mit nackten Frauen und Goldringen auftakeln müssen. Er weiß, dass nur die Anonymität den reibungslosen Lauf seines Imperiums garantiert. Eigentlich ließe er sich als Traditionalist bezeichnen, der seiner Mama ein großes Haus schenkt, in das er die Replik einer Kommode aus seiner Kindheit stellt, wäre da nicht sein Geschäftssinn, der eine ganz andere Sprache spricht.

Ähnlich wie Martin Scorseses "The Departed" setzt "American Gangster" auf die Kraft eines Gegenspielers, um die jeweiligen Eigenheiten (und Gemeinsamkeiten) der Kontrahenten besser hervorzuheben. Lucas' Nemesis heißt Richie Roberts (Russell Crowe) und ist ein leicht übergewichtiger Cop, der all seinen moralischen Ehrgeiz in den Job investiert. Einmal findet er eine Million Dollar im Kofferraum eines Wagens: Schmiergeld, das der rechtschaffene Polizist im Dezernat abliefert. Seitdem wird er von den meisten seiner Kollegen gemieden und verachtet. Die Polizei ist korrupt.

Enttarnung im Pelz

Roberts ist eine sympathisch raue Klischeefigur wie aus einem Thriller von Don Siegel. Es ist ein schöner Zug des Drehbuchs von Steven Zaillian, dass er auf einem Boxkampf von Mohammed Ali auf die Spur von Lucas gerät, zu dem der Gangster das einzige Mal in teuren Pelz gehüllt erscheint. Lucas wird den Mantel zornig verheizen, aber da ist es schon zu spät.

Scott parallelisiert den Tatendrang der beiden Protagonisten und zeigt darüber zwei Wege auf, mit den Realitäten der Zeit zurande zu kommen. Wo der eine alles daran setzt, sein Vermögen zu vermehren – und damit im Grunde mehr als der andere dem amerikanischen Geist entspricht –, setzt sein Kontrahent alles daran, den Filz im eigenen Apparat aufzudecken: Sein richtiger Gegner ist nämlich weniger Lucas als Trupo, ein von Josh Brolin mit schmierigem Charme verkörperter Cop, der jede Gelegenheit nutzt, sein Gehalt aufzubessern.

Scott, dem man keinen Mangel an Ehrgeiz vorwerfen kann, investiert viel Augenmerk in ein zeithistorisch akkurates Erscheinungsbild des Films, von der Musik über die Ausstattung bis hin zur Kolorierung einzelner Szenen. Im Unterschied zu David Finchers Zodiac, der vom selben Kameramann, Harris Savides, fotografiert wurde, erhält das Zeitbild hier aber keine Funktion, die über jene Einbettung der Geschichte hinausginge: Es bleibt ohne Deutungsmacht. Ähnlich verhält es sich mit der Regie, die dem Storytelling verpflichtet ist und nur wenige Szenen zu bieten hat, die sich selbst genügen.

Vielleicht wirkt "American Gangster" dadurch stellenweise zu kontrolliert und aufgeräumt, obwohl er doch eine Geschichte voller gegenläufiger Energien entwirft. Das Unauffällige, das sich Frank Lucas zu eigen machte, um seine Macht zu festigen, es bestimmt in gewisser Hinsicht auch den Film: statt Abarbeitung am Mythos mehr ein smarter Relaunch des Gangsterfilms als Unternehmergeschichte. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11.2007)