Monika Maron beherrscht nach wie vor die Kunst, eine Geschichte bis in ihre Mikrobestandteile mit Leben und Anschaulichkeit zu erfüllen. Ein feines Gespür für das, was sich zwischen einander Nahestehenden abspielt: Monika Maron.

Foto: Peter Peitsch
Da fliegt eine Frau Mitte fünfzig nach Mexiko, für ein, zwei Monate, und der zurückgelassene Gatte wünscht ihr ein bisschen süffisant, sie möge dort ihr Glück finden: "Ach Glück, hatte sie nur gesagt, eigentlich nicht gesagt, eher geseufzt, (...) als sei er schuld, dass ihr ein so kostbares Wort bedeutungslos geworden war."

Monika Maron erzählt in Ach Glück eine mögliche Fortsetzung ihres vortrefflichen Romans Endmoränen (2002), es geht quasi um die Krise nach der Krise, die Eheleute Johanna und Achim haben sich noch ein bisschen weiter voneinander entfernt, er, der Kleist-Spezialist, und sie, die Expertin für historische Biografien, haben mit dem Arbeiter- und Bauernstaat, der über Nacht "als lächerliche Missgestalt von der Weltbühne gejagt" worden war, den gemeinsamen Feind verloren.

Johanna, die in dieser Beziehung zur zentrifugalen Kraft wird, hält den Triumph darüber für das "letzte große Gefühl", das sie miteinander geteilt hätten. Und was sie an ihrem Gatten - "ein moderner Kentaur, halb Schreibtisch, halb Mann" - früher als eine Form des Widerstands geschätzt hat, die Fähigkeit, der Welt den Rücken zuzukehren, das empfindet sie jetzt als zutiefst kränkende Vernachlässigung.

In einem solchen Stadium der Zerrüttung wird auch das Unschuldigste zum Ärgernis, auf das die Genervte allergisch reagiert. Zum Beispiel Achims Marotte, seine Schinkenbrote mit den Jahren in immer kleinere Quadrate zu zerschneiden, seine Äpfel in immer dünnere Scheiben zu zerschnipseln - Johanna ist so weit, das als "Berufskrankheit" zu interpretieren: "Schließlich verfuhr er mit dem Prinzen von Homburg oder Penthesilea nicht anders als mit dem Schinkenbrot und dem Apfel. Alles wurde in seine kleinsten Teile zerlegt, in Szenen, Sätze, Wörter, Silben, Buchstaben, (...) bis das Werk enthäutet, ausgeblutet und skelettiert unter dem Halogenkegel auf seinem Schreibtisch lag, zu Tode verehrt von Doktor Achim Märtin."

Vermutlich ist dieser Roman das ideale Geschenk für befreundete Literaturwissenschafter und andere weltflüchtige Geistesmenschen, denen man immer schon mit dem Zaunpfahl winken wollte. Dosierte Verletzungen

Man sieht jedenfalls: Monika Maron beherrscht nach wie vor die Kunst, eine Geschichte bis in ihre Mikrobestandteile mit Leben und Anschaulichkeit zu erfüllen und die Bleigewichte des Themas durch ihren so gar nicht versöhnlichen Humor gleichsam aufzufangen. Die Autorin hat ein feines Gespür für das, was sich zwischen einander Nahestehenden abspielt, für dosierte Verletzungen, Anhänglichkeiten, halb ausgesprochene Wahrheiten und Kräfteverschiebungen und für das Gefühl des Abgenutzten, das sich "wie Mehltau" über den Alltag legt. Dabei ist sie keineswegs blind für die sozialen Makrostrukturen, für die Zeitläufte, die zum Beispiel einen unterbelichteten Westprofessor zum Vorgesetzten des ungleich begabteren Achim Märtin gemacht haben.

Woran mag es liegen, dass einen dennoch der Verdacht beschleicht, dieser Roman könnte, bei aller handwerklichen Souveränität, eine Verlegenheitslösung sein, ein etwas weniger gehaltvoller Aufguss der Endmoränen? Vielleicht kommt es daher, dass die Protagonistin mit ihrer geradezu penetranten Liebesideologie und ihrer Verdammungswut als Charakter bis zum Schluss unnahbar und verschattet bleibt, der in Ungnade gefallene Achim hingegen bald unsere ganze Sympathie hat. An der Konstruktion des Romans ist nichts auszusetzen: Maron erzählt die Geschichte abwechselnd aus der männlichen und der weiblichen Perspektive. Der Gegenwartsrahmen ist durch jene zwölf Stunden vorgegeben, die der Flug nach Mexiko dauert: Achim hat Johanna zum Flughafen gebracht und lässt sich, als leicht konfuser Strohwitwer, durch Berlin treiben. Johanna sitzt neben einem dicken Mexikaner und staunt über die eigene Courage. Beide haben ausgiebig Gelegenheit zu Rückblenden und Reflexionen. Zum Beispiel über die Rolle des Hundes, den Johanna eines Tages auf einem Autobahnparkplatz aufgelesen und gegen den Willen ihres Mannes behalten hat. Auflösungsprozesse

War er der Katalysator, der den Auflösungsprozess der Ehe eingeleitet hat? Während sie die bedingungslose Liebe des Tieres genießt, fühlt er sich in einer demütigenden Ménage à trois gefangen. Oder hat alles mit dem arroganten Russen Igor begonnen, in dessen Galerie Johanna ein paarmal in der Woche ausgeholfen hat und der sie behandelt, "als sei sie eine Frau". Er hat auch die Brieffreundschaft mit jener russischen Aristokratin gestiftet, die Johanna nun nach Mexico City eingeladen hat.

Dass Monika Maron ihre Heldin nicht beim Erkunden des fremden Landes vorführt, dass wir nur aus den Briefen der alten Dame, die dort nach einer verschollenen Freundin sucht, einiges Wenige über Mexiko erfahren, ist eine originelle Lösung: Enthusiasmierte Reiseberichte von daheim unter Stagnation leidenden Menschen gibt es bekanntlich zuhauf. Dennoch ist der Schluss - Johanna betritt mexikanischen Boden - unbefriedigend. So reizvoll ein offenes Ende sein kann, hier wirkt es willkürlich: Man hat den Eindruck, die Autorin würde ihre ratlosen Figuren, ihrerseits ratlos, auf halbem Wege im Stich lassen. (Daniela Strigl, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.11.2007)