Seit den 1990er-Jahren wird in Medien und Sachbüchern in regelmäßigen Abständen der "Krieg der Generationen" beschworen. "Eine Generation von Egoisten hat die Zukunft ihrer Kinder verprasst. Als Resultat droht ein Zusammenprall zwischen Jung und Alt wie noch nie in der Geschichte", prophezeite schon 1995 die Zeitgeistillustrierte Wiener.

Nun ist es wieder einmal so weit. Die Anhebung der Mindestpensionen um 2,9 Prozent hat einige Experten in Alarmstimmung versetzt: Allesamt ältere Herren, knapp vor oder jenseits des Pensionsalters, die mit Feuereifer die Sache der Jugend vertreten. Einen Tag später folgen erste Interessenvertretungen nach, und zwei Tage später ziehen auch die Kolumnisten ins Feld: "Durch die Anhebung der Pensionen wird ein Generationenkonflikt ausgelöst", überschreibt die Chefredakteurin des Standard ihren Kommentar. Vor dieser kriegerischen Rhetorik sollte sich aber niemand fürchten. Wie die Erfahrung zeigt, wird die Aufregung in wenigen Tagen vorbei sein, und der Generationenkonflikt in einen sanften Winterschlaf versinken, bis er dann in ein paar Monaten oder Jahren von neuerlichen medialen Fanfarenstößen wieder aufgeschreckt werden wird.

Warum ist das aber so? Warum hat die Rhetorik des Generationenkonflikts in der jüngeren Generation bisher keinen Widerhall gefunden? Das ist die eigentlich interessante Frage, auf die die Forschung eine einfache Antwort gibt: Die Warnungen vor dem Konflikt nehmen nur eine Seite der Generationenbeziehungen in den Blick, nämlich den öffentlichen Generationenvertrag. Hier findet in der Tat eine Umverteilung von den Erwerbstätigen zu den Ruheständlern statt.

Es gibt aber auch eine zweite Seite, den privaten Generationenvertrag in Familie und Verwandtschaft. Nicht alle Angehörigen der älteren Generation haben Kinder, aber alle Jüngeren haben Eltern, Großeltern und - in zunehmendem Maß - auch Urgroßeltern. Die sozialstaatliche Umverteilung fließt nicht in die Taschen einer anonymen Generation der Alten, sondern an die eigenen Mütter und Väter, Tanten oder Urgroßmütter. Dies ist der Grund, warum eine ausreichende Altersversorgung - wie auch ihre regelmäßige Anpassung an die gestiegenen Preise und den höheren Lebensstandard - nicht nur von den Pensionisten gewünscht wird, sondern in der gesamten Bevölkerung populär ist, und eben auch bei den Jungen.

Entlastungseffekt Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Generationenbeziehungen innerhalb der Familie dicht und im Großen und Ganzen solidarisch geblieben. Auch wenn es in unserer Gesellschaft - wie in vielen Epochen zuvor - Alte und Junge vorziehen, getrennt voneinander zu wohnen, stehen sie doch in engem Kontakt und empfinden ein Gefühl der Verantwortung füreinander. Was wäre die Kinderbetreuung ohne Großmütter und -väter, und was wäre die Pflege kranker Hochaltriger ohne deren Töchter und Schwiegertöchter? Der sozialstaatliche Transfer hat nicht zur Auflösung der familiären Generationenbeziehungen geführt, sondern er entlastet sie in doppelter Weise, materiell und emotional. Wenn die Älteren über ein eigenes ausreichendes Einkommen verfügen, sind sie nicht auf die Gnade ihrer Kinder und Enkelkinder angewiesen, und die Jüngeren stehen nicht in der Pflicht, ihre Vorfahren zu versorgen.

Natürlich finanzieren die Jüngeren, sofern sie erwerbstätig sind, den öffentlichen Generationenvertrag. Aber er bewirkt, dass innerhalb der Familie Alt und Jung ihr autonomes Leben führen und ihre Beziehungen relativ frei von materiellen Zwängen gestalten können - auch wenn Hilfestellung in den verschiedensten Situationen unverzichtbar geblieben ist.

Der private Generationenvertrag hat einen weiteren Aspekt: Was in der sozialstaatlichen Umverteilung von den Jüngeren zu den Älteren fließt, fließt innerhalb der Familie zu einem guten Teil wieder an die Jungen zurück. Alle einschlägigen Studien zeigen erstaunlich hohe finanzielle Zuwendungen der Älteren an ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Und nicht zuletzt soll nicht vergessen werden, dass Eltern und Großeltern, die nicht am Hungertuch nagen, auch etwas zu vererben haben.

"Die mittlere Generation ist der totale Verlierer", titelt der Standard am 15. November. Aus der Sicht des öffentlichen Generationenvertrags ist dieser Satz problematisch, aber immerhin diskutierbar. Aus der Sicht des privaten Generationenvertrags ist er falsch. Die gegenwärtige mittlere Generation ist eine Generation von Erben, denen von ihren Vorfahren materielle Werte in historisch einzigartigem Ausmaß zufließen werden.

Falscher Alarm

"Die Jüngeren denken an ihr eigenes Alter, sie denken aber auch an ihre Eltern, denen sie sich verpflichtet fühlen. Nicht zuletzt dürfte jedoch die Erfahrung, dass dem öffentlichen Transfer zu den Älteren ein privater Transfer in der umgekehrten Richtung entspricht, ins Gewicht fallen", fasst der Berliner Soziologe Martin Kohli die einschlägige Forschung zusammen.

Und bringt damit zugleich auf den Punkt, warum der Verteilungskrieg zwischen den Generationen zwar oft beschworen wurde, aber noch nirgends ausgebrochen ist, und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht ausbrechen wird.