Warschau - Entgegen der Vorgehensweise in anderen Armeen hat das polnische Militär in den vergangenen Jahren offenbar mehrere Zwischenfälle verschwiegen, bei denen bei Einsätzen im Irak Zivilisten ums Leben gekommen waren. In den Jahren 2003-2007 gab es einige solche Fälle, die von der Obersten Militäranwaltschaft untersucht wurden, berichtete die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" am heutigen Samstag. Der Bericht kommt kurz nach der Verhaftung von mehreren polnischen Soldaten, die in einem afghanischen Dorf mehrere Zivilisten getötet haben sollen.

Bei den von "Gazeta Wyborcza" aufgedeckten Fällen handelte es sich hingegen offenbar meist um Unfälle. So erschossen laut der Zeitung im Jahr 2003 polnische Soldaten unabsichtlich einen offenbar unbewaffneten Zivilisten in der Nähe des irakischen Ortes Hilla. Eine polnische Patrouille war von irakischen Partisanen beschossen worden und es kam zu einem Schusswechsel. Dabei soll zufällig ein Passant getroffen worden sein. Er erlitt schwere Verletzungen und verstarb im Krankenhaus.

Hohe Entschädigungen

Soldaten, mit denen die Journalisten gesprochen haben, sind sich uneinig, ob der Mann bewaffnet gewesen war. Sie bestätigen aber, dass das Kommando der polnischen Mission im Irak der Familie des Opfers hohe Entschädigungen ausgezahlt hatte. Der Fall wurde 2003 auch von der Militäranwaltschaft untersucht. "Die Ermittlungen waren eingestellt. Man war zum Schluss gekommen, dass es ein Unfall gewesen war", sagte ein Soldat aus der betroffenen Patrouille gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Über den Vorfall hatte die Armee niemals berichtet, obwohl sie mehrmals über verschiedene außerordentliche Ereignisse, zum Beispiel über verwundete oder verstorbene polnische Soldaten informiert hatte. Laut Soldaten ist der Mangel an Nachrichten kein Zufall. "Besonders beim ersten Kontingent hat man absichtlich Ereignisse verschwiegen, die einen Schatten auf die polnischen Mission im Irak werfen hätten können", sagte ein Offizier, der anonym bleiben wollte, gegenüber der "Gazeta Wyborcza". Der damalige Verteidigungsminister vom Bündnis der Demokratischen Linken (SLD), Janusz Zemke, verneint allerdings diese Art von Informationspolitik. Er erinnere sich auch überhaupt nicht, dass es 2003 so einen Unfall gegeben hat.

Ermittlungen bestätigt

Laut den Soldaten, mit denen die Zeitung gesprochen hat, gab es bereits im ersten Halbjahr der polnischen Mission im Irak mindestens ein paar Unfälle, in denen zum Beispiel Zivilisten unter rasende polnische Patrouille-Wagen fielen. Dass es Ermittlungen über den Tod von Zivilisten im Irak gab, bestätigte gegenüber der "Gazeta Wyborcza" die Oberste Militäranwaltschaft.

In der vergangenen Woche hatte die polnische Gesellschaft die Nachricht erschüttert, dass Soldaten aus Polen vor einem Monat in Afghanistan angeblich ohne direkte Bedrohung ein ostafghanisches Dorf beschossen und dabei sechs Zivilisten getötet haben sollen. Den Soldaten wird vorgeworfen, mit ihrem Vorgehen am 16. August 2007 die Haager und die Genfer Konvention zum Schutz von Zivilisten im Krieg verletzt zu haben. Sechs von ihnen drohen wegen Tötung der Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, lebenslange Haftstrafen, dem siebenten Beschuldigten 25 Jahre Gefängnis. (APA)