Pensa mit seiner halben Million Einwohner ist nicht die Stadt für Schlagzeilen – bis zur vergangenen Woche. Da nämlich wurde bekannt, dass sich nahe der 700 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen Stadt bereits seit Oktober knapp 30 Sektenanhänger in einer Höhle verbarrikadiert haben, um dort auf den Weltuntergang zu warten. Dieser soll angeblich im Mai nächsten Jahres eintreten. Die Sektenmitglieder, die sich mit Gasflaschen, Kerosin, und Lebensmitteln eingedeckt haben, sind entschlossen, in den Räumen des verzweigten unterirdischen Tunnelsystems auszuharren. Unter ihnen befinden sich auch vier Kinder, das jüngste ist 16 Monate alt.

Seit voriger Woche sucht die Polizei den Kontakt zu den Eingeschlossenen. Auch die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) wurde eingeschaltet. "Wir halten diese Leute für Verirrte und beten, dass Gott sie zur Vernunft bringt", sagte ein ROK-Vertreter. Die Sektierer verbitten sich jegliches Eingreifen und drohen sonst mit Selbstverbrennung. Die Polizei hat inzwischen Behauptungen der Zeitung Twoj Den, man wolle mit Betäubungsgas vorgehen, als "völligen Blödsinn" dementiert. "Unsere Position ist: keinerlei Provokation zuzulassen", sagte Polizeisprecherin Marina Timochina.

"Vater Petr"

Die Sekte nennt sich die "wahre russisch-orthodoxe Kirche", indoktriniert von Petr Kusnezow, der sich selbst "Vater Petr" nennt. Ihn, der sich nicht mit seinen Anhängern unter die Erde begeben hat, hat die Polizei festgenommen. Seine Lehre besteht in der Ablehnung der Zivilisation: Geld, Fernsehen, Internet oder Strichcodes auf Lebensmitteln seien die Hauptfeinde der Menschheit, Pässe müssten verbrannt werden. Mit einer Formel berechnete er den Zeitpunkt des Weltunterganges: Wer in der besagten Höhle sei, würde ihn überleben. Der Chef des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Kirill, sprach von einer "gefährlichen Erscheinung im religiösen Leben Russlands. Das religiöse Thema, das für viele wichtig geworden ist", werde von Leuten missbraucht, die so ihre "kranken Phobien" ausleben. Vor zwei Jahren etwa hatte der Sektenführer Grigori Grabowoj den Hinterbliebenen der Geiselnahme in der Schule von Beslan versprochen, die Opfer wieder zum Leben zu erwecken. Der Preis pro Opfer: 39.500 Rubel (gut 1100 Euro). (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD – Printausgabe, 19.11.2007)