Zu Kriegszeiten als Schutz vor Fliegerangriffen unverzichtbar, gerieten die Stollen nach 1945 rasch in Vergessenheit.

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Linz - "Hier modert es ja nicht schlecht. Na hoffentlich schadet uns der Schimmel nicht." Besorgt blickt der ältere Herr um sich und zieht seine Pudelmütze tief ins Gesicht. "Aber geh, ich war schon mit Lungenfachärzten hier drinnen, die hatten auch keine Bedenken", entgegnet Gundi Grabner. Die Mischung aus fachärztlichem Sanktus und dem Anstecker "Licensed Austria Guide" auf Grabners Mantel scheinen zu beruhigen. Der verunsicherte Tourist lächelt und knipst die Stirnlampe an.

Die Luftschutzkeller, in denen während des Zweiten Weltkriegs tausende Linzer Schutz vor den Bombenangriffen auf "Hitlers Patenstadt" suchten, sind die Welt der Fremdenführerin. "Mir geht es bei Gott nicht darum, irgendwelche Grauslichkeiten des Krieges aufzuzeigen. Viel mehr um Respekt gegenüber jenen, die diese Stollen gebaut haben, und jenen, die hier ausgeharrt haben", erzählt Grabner. Fixer Bestandteil des Ausflugs ins Innere der oberösterreichischen Landeshauptstadt ist der Limoni-Keller unter dem Bauernberg. "In den Hängen westlich der Linzer Altstadt, Bauernberg, Freinberg und Schlossberg, befanden sich schon vor Kriegsbeginn umfangreiche Wein-, Bier- und Eiskeller. Diese Kelleranlagen wurden während der Kriegsjahre zu einem riesigen Stollensystem ausgebaut", erzählt Grabner.

Keine Enge

Von der befürchteten Enge ist im Limoni-Keller, mit einer Gesamtlänge von über drei Kilometern der größte Luftschutzstollen in Linz, nichts zu spüren. Breite, hohe Gänge und eine konstante Temperatur von zehn Grad und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit machen den Ausflug feucht, aber erträglich. "Bis zu 10.000 Menschen hatten bei Fliegerangriffen hier Schutz gesucht. Die meisten sind auf Bänken entlang der Wände gesessen, für Frauen mit Kindern gab es einen eigenen Bereich", erzählt Grabner.

Der Limoni-Keller verfügte über elektrisches Licht, Belüftungsanlagen, Toiletten und eine eigene Hebammenstation. In einem separaten Teil waren Befehlsstellen für Gauleitung, Partei, Polizei und Stadtgemeinde untergebracht. "Der Limoni-Stollen war bei den Linzern beliebter als andere Keller. Erstens gab es hier dank eines Notstromaggregats immer elektrisches Licht und der Sandstein hat das Geräusch der Bombentreffer eher geschluckt", sagt Grabner.

Orientierungslos

Eines ist man beim Marsch unter Tage jedenfalls schnell los: die Orientierung. Regelmäßig ertönt ein erstauntes "Wos, do samma jetzt?", wenn Gundi Grabner erläutert, was sich über den Köpfen befindet. Auf dem Plan der Stollentour steht auch immer der Linzer Schlossberg - natürlich aus der Maulwurfperspektive. Der Luftschutzkeller im Schlossberg weist deutliche Unterschiede zum Limoni-Keller auf. Statt in Sandstein gegraben, mussten beim Schloss 1,3 Kilometer in Granit-Gneis gesprengt werden. Die Stollen sind deutlich niedriger und enger. "Durch den Granit hat der Berg bei einem Treffer schon ordentlich geprellt. Und sie müssen sich vorstellen, wenn dann noch das Licht ausgefallen ist", erzählt Grabner. Man will es sich nicht vorstellen und umklammert dankbar die Taschenlampe.

Auch Linz09 wird an den Luftschutzanlagen nicht spurlos vorübergehen. Bereits im Vorfeld zum Kulturhauptstadtjahr startet die Ausstellung "Tiefenrausch". 2009 rückt wird der flämische Regisseurs Luk Perceval den Limoni-Keller ins Licht rücken. Mit filmischen Mitteln wird Perceval einen Abend beim Kinderspielplatz über dem Limonistüberl inszenieren. An diesem Ort fanden nach dem Krieg bevorzugt Film- und Theatervorführungen sowie Sportveranstaltungen statt. Grabner ist angesichts der Projekte skeptisch: "Also ich halte mich da raus. Ich glaub nicht, dass dieser Event-Charakter an solch geschichts-trächtigen Orten gut ist." (Markus Rohrhofer/DER STANDARD – Printausgabe, 19.11.2007)