Wien - Ihr Ruf als "Königin des Belacanto" ist nach wie vor unantastbar. Ein Grund von vielen: Edita Gruberova hat ein gutes Gefühl für Timing - erst spät in ihrer Karriere hat sie sich etwa an die Rolle der Norma, in Vincenzo Bellinis gleichnamiger Oper, gewagt.

Dem Geschick, mit dem sie die natürlichen Grenzen ihrer Stimme in der tieferen Lage dem dramatischen Geschehen dienlich zu machen versteht, und dem Gestaltungswillen, mit dem die Grande Dame der Bühne ihrer Stimme jede Anstrengung abverlangt, gebührt also nach wie vor Bewunderung. Mit müheloser Ausdruckskraft und vokaler Geschmeidigkeit brilliert aber diesmal Normas Rivalin Adalgisa. Elina Garanca lotet nicht nur nuanciert alle Emotionen aus; sie tritt auch als einzige innerhalb der eingeschränkten Möglichkeiten einer konzertanten Aufführung zu ihren Partnern in Beziehung. Innig und weich zeichnet sie das Verhältnis zu Norma.

Glaubhaft wechseln ihre Gefühle zu Pollione von glühender Liebe zu lodernder Abneigung. José Cura hingegen nimmt den Part zwischen zwei Frauen mit Nonchalance. Was zu singen ist, bringt er mit baritonal gefärbtem, ein wenig angestrengtem Tenor über die Rampe. Aus der Ruhe bringen ihn weder Liebe noch Bedrohung oder Sorge um seine Kinder, die von Norma ermordet zu werden drohen ...

Der spöttische Blick über den Brillenrand treibt die lässige Ironie dann ein weinig zu weit. Solide Leistungen in den Nebenrollen: Dan Paul Dumitrescu meldet sich als würdevoller Oroveso zu Wort, Polliones Freund Flavio (Marian Talaba) und Normas Vertraute Clotilde (Caroline Wenborne) sind im rechten Moment zur Stelle. Friedrich Haider hält am Pult des Staatsopernochesters die Fäden kapellmeisterisch in der Hand, greift stets so rasch wie möglich ein, um Verrutschtes wieder einzurenken. Für große interpretatorische Eindrücke bleibt aber bei musikalischer Mindestsicherung wenig Raum. (Petra Haiderer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 11. 2007)