ModeratorIn: derStandard.at begrüßt den Gesundheitsjournalist und Bestsellerautor Kurt Langbein im Chat. Wir bitten unsere UserInnen um Ihre Fragen

Kurt Langbein: Einen schönen Mittag wünsche ich auch.

Userfrage per Mail: Gibt es Diäten, die man empfehlen kann, oder sind Ihrer Meinung nach alle „einseitigen“ Methoden abzulehnen?

Kurt Langbein: Alle einseitigen vorallem auch radikalen Methoden des Abnehmens sind kontraproduktiv und daher abzulehnen. Der Mensch ist über 100000 Jahre so konstruiert, dass er vorallem dann zum perfekten Futterverwerter wird, wenn Mangel droht. Deswegen führt radikales Abnehmen automatisch zu strakem Zunehmen danach. Sinnvoll ist nur eine vernünftige Umstellung der Ernährung.

Frau Techne: Theorie "Nur die kcal/Tag zählen" versus "Nahrungszusammensetzung entscheidet (mit) über die Gewichtsab- oder zunahme". Was ist Ihr Standpunkt dazu? Bitte um aktuelle Studien/Quellen zu Theorie Nr.2. Dankeschön!

Kurt Langbein: Erstens ist es wichtig, dass man nicht mehr Kalorien zu sich nimmt als man verbrennt. 2. Ist es für die Gesundheit und auch für moderates Abnehmen wichtig, dass die Zusammensetzug der Ernährung vernünftig ist. Das bedeutet, dass nicht zuviel Fett, aber auch nicht zu viele Kohlenhydrate zu sich genommen werden sollen. Darüber gibt es mittlerweile eine größere Anzahl von Studien, vor allem in den USA.

Userfrage per Mail: Was ist wichtiger: Eine ausgewogene Ernährung oder ausreichend Bewegung?

Kurt Langbein: Beides ist gleichermaßen wichtig. Ausreichende Bewegung sollte aber auf jeden Fall dabei sein, nicht nur des Gewichts wegen, sondern weil Bewegung ein absoluter Jungbrunnen ist.

Manfred Bieder: Ich interessiere mich eventuell für eine Abnehmkur auf derStandard.at/Idealgewicht. Gibt es Zahlen (Erfolgsquote), mit denen Sie mich überreden könnten? Welche Diät ist am Erfolg versprechensten?

Kurt Langbein: Die letzte Auswertung zeigt, dass alle, die zumindest 12 Wochen dabei bleiben, genau das Ziel erreichen: sie nehmen moderat 1 -3 Kilo im Monat ab. Wer allerdings gleich wieder aussteigt hat logischerweise nicht so gute Ergebnisse.

Mr. Anderson: Gibt es Ernährungsirrtümer, die bewußt von Lebensmittelkonzernen in Umlauf gebracht werden?

Kurt Langbein: Es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass etwa der Mythos das Fett alleine der Dickmacher ist und daher fettfreie oder fettarme Produkte wesentlich besser seien, auch von der Industrie über Jahre forciert wurde.

schick: Herr Langbein, sie üben in Ihrem Buch „Bittere Pillen“ Kritik an der Pharmaindustrie. Was halten Sie von Nahrungsmittelergänzungsmitteln. Wann machen Sie Sinn?

Kurt Langbein: Aus meiner Sicht machen die meisten Nahrungsergänzungsmittel wenig Sinn. Wer sich ausgewogen ernährt, nimmt genügend Vitamine zu sich. Wer auch noch auf das richtige Gemüse achtet, bekommt auch ausreichend sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, und dass Probiotika wirklich günstig wirken ist nicht wirklich belegt. Umgekehrt weiß man inzwischen, dass zuviele Vitamine sogar schädlich wirken können.

Userfrage per Mail: Gibt es Untersuchungen darüber, wie sich angereicherte Lebensmittel auf den menschlichen Organismus auswirken?

Kurt Langbein: Etwa bei den Probiotika gibt es bislang nur eine Untersuchung, die zeigt das sie sich günstig auswirken, wenn davor die Bakterienflora im Darm durch Antibiotika zerstört wurde. Über die behauptete positive Wirkung auf das Immunsystem gibt es nur Spekulationen. Zusätzlich beigefügte Vitamine und Mineralstoffe sind entbehrlich, wenn man genügend frisches Obst und Gemüse zu sich nimmt.

schick: In den Medien wird mit Lebensmitteln, zum Beispiel Joghurt geworben, von welchen versprochen wird, dass sie cholesterin-senkend wirken. Ist das überhaupt möglich bzw. es gibt ja auch gutes Cholesterin?

Kurt Langbein: Ein Joghurt kann nicht cholesterinsenkend wirken und Cholesterinsekung insgesamt ist kein vernünftiges Ziel. Wer sein Gewicht vernünftig reduziert und sich halbwegs vernünftig ernährt, tut auch viel gegen einen überhöhten Spiegel "bösem" Cholesterin.

schick: In den Supermärkten gibt es so genannte Omega 3 Eier, die angeblich nur aufgrund von rein pflanzlicher Fütterung 8 Mal mehr davon enthalten. Ist da etwas dran oder ein purer Marketinggag, der vielleicht gar nicht so gesund ist, wie suggeriert?

Kurt Langbein: Omega3 Fettsäuren sind in der Tat wichtige und gesunde Fette von denen jeder von uns genug zu sich nehmen sollte. Wer 2x in der Woche Fisch ist, oder einige Hand voll Wahlnüsse oder wer etwa Rapsöl verwendet, bekommt von diesen gesunden Fetten. Es ist Unsinn, solche Fette einfach anderen Nahrungsmittel beizufügen.

pfudl: zum Thema: was halten sie von light-produkten?

Kurt Langbein: Kurz gesagt: gar nichts. Sie vermitteln den falschen Eindruck, ohnehin etwas "gesundes" zu essen und sie sind meistens fettreduziert, dafür enthalten sie umsomehr Kohlenhydrate, was dazu führt, dass man tendenziell zu- statt abnimmt. Der "Light"-Irrtum ist hauptverantwortlich dafür, dass etwa in den USA der Anteil der Übergewichtigen lawinenartig angestiegen ist.

Interista81: Stichwort Cholesterin. Als ich das letzte Mal (zugegebener Maßen vor circa 8 Jahren) bei einer Gesundenuntersuchung in Österreich war, gab's nur die "Gesamtcholesterien"-Angaben. In England jedoch (wie in vielen anderen Ländern auch) wird der Gesamt

Kurt Langbein: Sie sollten mit ihrem Arzt sprechen: Gesamtcholesterin ist nur ein vager Hinweis, vor allem bei überhöhten Werten, sollten die einzelnen Cholesterine analysiert werden, und das Ergebnis mit Ihnen besprochen werden.

Userfrage per Mail: Stimmt es, dass der Cholesterinspiegel von der WHO gemeinsam mit der Pharmaindustrie absichtlich sehr niedrig angelegt wurde, um möglicht viele Cholesterinspiegel senkende Medikamente zu verkaufen?

Kurt Langbein: Es ist Tatsache, dass vor allem mit der Einführung und Vermarktung der Statine, die den Cholesterinspiegel senken, der Druck auf die medizinischen Fachgesellschaften, die Grenzwerte, ab denen behandelt werden sollen, herabzusetzen groß ist. Mittlwerweile ist es schon so, dass die Mehrheit der Bevölkerung "behandlungsbedürftig" ist. Wenn man allerdings berücksichtigt, dass alleine mehr Bewegung schon viel wirksamer ist als jedes Statin, kann man das Ausmaß der Irreführung durch diese Vermarktungsstrategie erahnen.

ea31eaaa-3484-4691-82da-a90b7739f30f: wie erklären Sie sich die oftmals festzustellende quasi-militante haltung und intoleranz von "eingefleischten" vegetariern udgl. gegenüber fleischessern und-innen?

Kurt Langbein: Eine einseitige Betonung bestimmter Lebensaspekte hat immer eine sektenhafte Komponente. Umgekehrt stehen Menschen, die sich gegen tierische Produkte entschieden haben, sicher ständig unter einem Druck, sich zu rechtfertigen. Aus beidem entsteht möglicherweise eine gewisse Intoleranz.

Interista81: Wie stehen Sie zur "veganen" und "vegetarischen" Ernährung im Allgemeinen (was den Faktor "Gesundheit" anbelangt)? Dazu gibt es ja unzählige Meinungen und verschiedenste Studien.

Kurt Langbein: Ich persönlich glaube, dass der einseitige Verzicht auf bestimmte Nahrungskomponenten keinen besondern Vorteil hat. Umgekehrt ist es bei einer veganen Ernährung gar nicht so leicht, alle wichtigen Nahrungsbestandteile auch tatsächlich zu sich zu nehmen. Ich glaube daher, dass es nur eine höchstpersönliche Entscheidung sein kann, wenn man sich entschließt, keine tierischen Produkte zu essen.

mai #1: hallo herr langbein, es gibt eine theorie, die besagt, dass ein körper durch jahrhundertelange kondition der generationen auf best. ernährung (zb typisch deftig alpen) quasi "geeicht" ist und daher auch weniger eine typisch fremde ernährungsweise (z

Kurt Langbein: Soweit ich weiß, diente die extrem fettreiche Nahrung in den Alpen, vor allem den Bauern dazu, ihren enormen Energieverbrauch abzudecken. Der Wegfall dieser stark beanspruchenden Bewerbung macht sich sicher wesentlich stärker bemerkbar, als es jetzt eine andere Ernährungsform tut. Also ich glaube nicht, dass es irgendeiner Entwicklungsgeschichte widerspricht, wenn man sich jetzt der asiatischen Küche, die ja in ihrer Zusammensetzung sehr vernünftig ist, zuwendet.

Vanilleschote: Stimmt es, dass man Obst nur auf leerem Magen und nicht abends essen soll?

Kurt Langbein: Viele Menschen vertragen Rohkost nicht besondes gut. Das macht sich meist bei der Verdauung bemerkbar. Diese Menschen sollten Rohkost, also auch frisches Obst, am Abend besser nicht essen. Dass ein leerer Magen besonders günstig wäre, weiß ich nicht.

pfudl: schlagwort glykämischer index:

Kurt Langbein: ja bitte?

pfudl: (dieses entertaste...) ad gi: glauben sie das es sinn macht sich innerhalb der unterschiedlichen gemüsesorten gedanken darüber zu machen?

Kurt Langbein: Ich halte das bei den verschiedenen Gemüsesorten für nicht erforderlich, alle sind auch in Bezug auf den glykämischen Index relativ günstig. Unterschiede bestehen bei Reis: da sind Basmati Reis oder Wildreis deutlich günstiger, und auch bei Erdäpfeln sollte man darauf achten, sie besser mit der Schale zu essen.

merlion: Ich hab 3 Jahre in Hong Kong gelebt und meist asiatisch gegessen. Kam heim mit riesen Appetit und habe fette Berner Wuerstel mit Pommes und Mayo gegessen. Das hat mich umgehauen. (Erbrechen nach einer halben Stunde, 1 Tag schlimme Schmerzen in der B

Kurt Langbein: Vielleicht ist es gar nicht sinnvoll, dass der Körper sich der von Ihnen beschriebenen Kost allzusehr anpasst. Die asiatische Küche ist sehr ausgewogen, und sie haben Ihren Innereien mit extremen Fettbomben traktiert, noch dazu enthalten Pommes und gelegentlich Mayo und Würstel besonders ungünstige Fette. Gönnen Sie Ihrem Körper wieder ein bisschen von der asiatischen Küche.

ea31eaaa-3484-4691-82da-a90b7739f30f: wie passt die empfehlung häufgig fisch zu essen zur bekannten tatsache, dass vor allem meeresfische oft enorm schwermetallbelastet sind?

Kurt Langbein: Sie haben völlig Recht: Meeresfische haben auch noch den Nachteil, dass sie eine weite Reise meist mit dem Flugzeug zu uns zurücklegen müssen. Mit Schwermetallen sind allerdings nur langlebige Raubfische wie etwa der Thunfisch belastet. Aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen ist es daher besser, Fische aus der Region zu essen. Der Alpenlachs etwa enthält ähnlich viel Omega3- Fettsäuren, wie der Lachs aus dem Meer.

pfudl: Zwangsjodierung von Kochsalz und steigende Zahl von Schildrüsenerkrankungen: was sagen Sie dazu?

Kurt Langbein: Das ist eine Debatte, die schon Jahrzehnte andauert, und deren stichhaltige Argumente eher dünn gesäht sind. Mir ist nicht bekannt, dass die Anzahl der Schildrüsenerkrankungen in letzter Zeit deutlich gestiegen sei.

mazunte: Sportlern wird immer wieder zur Nahrungsergänzung geraten: Wenn man Krafttraining betreibt, soll man mehr Eiweiß bzw. Ergänzungsmittel zu sich nehmen; bei Ausdauertraining Magnesium. Ist das ein Mythos oder hat es was für sich?

Kurt Langbein: Wenn man Krafftraining vernünftig betreibt, es also nicht übertreibt, reichen die Proteine aus Fleisch und eiweißhaltigem Gemüse völlig aus. Das gleiche gilt bei Ausdauertraining, wenn man verdünnte Fruchtsäfte und gelegentlich etwas Milch trinkt. Über den Konsum der Ergänzungsmittel freut sich die Industrie, nicht aber der Körper.

Interista81: Gibt es Ihrer Meinung nach in Sachen Ernährung und Lebensmittel sowas wie "corporate responsibility" (Stichwort McD und Lebensmittelkonzerne)?

Kurt Langbein: Es sollte eine solche Verantwortlichkeit dringend geben, das ist aber auch schon die Anwort: leider gibt es sie bisher nicht. Es wäre schön, wenn die Konsumenten und auch die Anleger in diese Richtigung in Zukunft mehr Druck machen.

Interista81: Stichwort Ernährungsdschungel! MMn ist es mittlerweile ja schon fast so, dass man mit all den verschiedenen Studien und Expertenmeinungen (die ja teilw. auch aufgrund vieler verschiedener "Interessen" (um's nicht Lobbies zu nennen) beruhen) komplett

Kurt Langbein: Ich finde, dass Sie einen sehr vernünftigen Weg eingeschlagen haben. Wer etwas mehr konkrete Orientierung braucht, kann dies auf derStandard/Idealgewicht im Detail erfahren und sich ganz konrete Vorschläge holen, was für Ihn gut ist.

quick mouse: hallo, in einer neueren ausgabe des lancet wurde eine studie publiziert, die bestätigt, dass nahrungsmittelfarbstoffe, künstliche aromen und einige konservierungsmittel kofaktoren sind, die kinder hyperaktiv machen. woran liegt es ihrer meinung nach

Kurt Langbein: Also das mit den hyperaktiven Kindern ist so eine Sache: Sie werden heute viel häufiger hyperaktiv genannt, weil wir sie zum Stillsitzen verdammen. Trotzdem gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass verschiedene Chemikalien zu einer echten Hyperaktivität beitragen können. Mehr als seriöse Hinweise sind es allerdings meines Wissens bisher nicht.

schick: Herr Langbein, Sie haben mehrere Aufdecker-Bücher geschrieben, die mit der Gesundheitsbranche zu tun haben. Können Sie überhaupt noch einem Mediziner, einem Medikament usw. trauen?

Kurt Langbein: Oh ja, es gibt glücklicherweise viele Mediziner, die eine ähnlich Haltung gegenüber der Gesunheitsindustrie haben wie ich. Und es gibt unter den Medikamenten solche, deren Anwendungen unter bestimmten Voraussetzungen durchaus hilfreich sein kann.

Manfred Bieder: Hand aufs Herz: Greifen Sie nicht selbst manchmal zur "Eitrigen mit einen Buckel" (Käsekrainer mit Brotscherzerl)? Und: Darf denn Kebab Sünde sein?

Kurt Langbein: Aber ja, allerdings habe ich Bratwürstel lieber als die Eitrige. Und das ist auch völlig in Ordnung so weil Lebensfreude mindestens genauso wichtig ist, wie die richtige Zusammensetzung der Ernährung.

trittbrettfahrerIn: was sagen sie zu den unglaublich widersprüchlichen tipps bez. ernährung? rohkost versus kochen (TCM); vollkorn versus auszugsmehl/geschälter reis (TCM); milchprodukte versus nur ja wenig milch; etc

Kurt Langbein: Es ist in der Tat verwirrend und widersprüchlich, vor allem die traditionell chinesische Medizin vertritt eine recht andere Denkschule. Ich habe mich in der letzten Zeit ein wenig mit ihr beschäftigt und glaube, dass manches, was uns heute merkwürdig vorkommt schon in wenigen Jahren auch zum Standardwissen unserer Ernährungslehre zählen wird. Es kommt eben nicht nur darauf an, was man isst, sondern auch wer es isst.

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Kurt Langbei und unseren UserInnen für die vielen Fragen und Antworten.

Kurt Langbein: Ich danke auch. Schönen Nachmittag.