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Umweltkommissar Stavros Dimas

Foto: APA/EPA/Lopes
Brüssel - Die wirtschaftliche Entwicklung von Staaten wird zumeist mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessen, dem Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Periode produziert werden.

Doch diese Betrachtungsweise sei nicht mehr zeitgemäß, sagte EU-Umweltkommissar Stavros Dimas am Montag in Brüssel bei der Eröffnung der Konferenz "Beyond GDP". So sei es heute zunehmend wichtig, mit welchen Ressourcen ein gewisses Wachstum erreicht werde, wie der "ökologische Fußabdruck" eines Landes aussehe, wie es um die Lebensqualität stehe. "Wie ist der Zugang zur Bildung, wie gut ist das Gesundheitssystem," sagte Dimas. All das gebe das BIP nicht wieder, ebenso wenig die allgemeine Zufriedenheit der Menschen in einem Land. Das Bruttoinlandsprodukt sei die klassische Betrachtungsweise in Zeiten des Aufbaus, also etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, gewesen.

Zusammen mit der OECD, dem Club of Rome, dem EU-Parlament und dem World Wildlife Fund will die Kommission einen neuen Index erarbeiten, der auch soziale Aspekte und Umweltfragen neben dem Wirtschaftswachstum einbezieht. Eine erste Version könnte Anfang 2009 vorgestellt werden. Ersetzt werden soll das BIP nicht, sondern ergänzt, betonte Dimas: "Das BIP hat zwar in den vergangenen 40 Jahren geholfen, echte Rezessionen zu verhindern, hinter einem wachsenden BIP könnten aber schwere Umweltschäden oder Kinderarbeit verborgen sein". Für einen "spezifisch wirtschaftlichen Zweck" werde das BIP weiterhin der entscheidende Faktor bleiben. Man müsse aber "darüber hinaus" gehen.

Ein neuer "Wohlstands-Maßstab" könnte auch die Entscheidungen von Politikern beeinflussen. Derzeit werde etwa das Wirtschaftswachstum Chinas als "Nonplusultra" dargestellt, hieß es in der Konferenz. "Doch wenn Umweltbelastung und Ressourceneinsatz mitgerechnet werden, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus." Dann falle China weit hinter die Länder der EU zurück.

Über das BIP hinausgehende Wohlstands-Berechnungsmethoden gibt es bereits, allerdings haben sie sich bis jetzt nicht durchgesetzt. Wales erstellt bereits jedes Jahr eine Umweltbilanz, und auch einige italienische Regionen arbeiten soziale Komponenten in ihre Bilanzen ein.

Dimas zeigte sich überzeugt, dass nun die Zeit für einen neuen Vorstoß gekommen sei. "Auch die Weltbank ist an unseren Überlegungen sehr interessiert, und auch die US-Regierung wird mit uns zusammenarbeiten."

Österreichs neue Bilanz sähe vermutlich eher zwiespältig aus: Guten sozialen Daten etwa bei der Arbeitslosigkeit und bei Gesundheitssystem würden ziemlich schlechte Umweltwerte durch den hohen Ausstoß von Kohlendioxid gegenüberstehen. (Michael Moravec, Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2007)