Madrid/Den Haag/Turin - Viele europäische Zeitungen beschäftigen sich am Dienstag mit der Situation in der von der UNO verwalteten südserbischen Provinz Kosovo, die am Samstag ein neues Parlament gewählt hat:

"El Mundo" (Madrid):

"Der Kosovo-Konflikt ist eine Zeitbombe in Europa. Wenn es bis zum 10. Dezember keine Einigung über den Status gibt, wird die zu Serbien gehörende Provinz einseitig ihre Unabhängigkeit erklären. Damit wird die Stabilität in Europas verwundbarster Region weiter untergraben. Die Angst vor einem neuen Balkankrieg ist in den Außenministerien förmlich zu riechen. Die USA, Großbritannien und Frankreich sind für eine Unabhängigkeit des Kosovo, Russland und Serbien dagegen. Moskau will den Balkan zudem dazu nutzen, die USA zu einem Verzicht auf ihren Raketenschutzschild zu zwingen. Die Suche nach einem neuen rechtlichen Rahmen für die Unruheprovinz erweist sich als Quadratur des Kreises."

"Trouw" (Den Haag):

"Idealerweise bliebe Kosovo bei Serbien, mit garantierten Rechten für die Albaner. Eine weitere Zerstückelung der Region würde nämlich sicher für Probleme sorgen, und Serbien hat heute eine völlig andere Regierung als vor einem Jahrzehnt. Aber für die Kosovo-Albaner hat Serbien sein Recht, dort zu regieren, auf alle Zeit verspielt, weil es sie jahrelang unterdrückt und 1998 sogar versucht hat, sie mit Gewalt aus dem Land zu jagen. (...) Nach dem 10. Dezember, wenn die Frist für die internationalen Gespräche abläuft, werden die Albaner der Durchwurstelei der letzten Jahre selbst ein Ende machen. Es ist nahezu sicher, dass das Kosovo dann wieder als der Konfliktherd Europas zurückkehrt."

"La Stampa" (Turin):

"Wenn die Kosovaren sich unabhängig von Serbien machen, wird Bosnien explodieren. Und Europa ist auf die Krise nicht vorbereitet. Die Hypothesen von einem neuen Krieg auf dem Balkan, vielleicht schon im kommenden Jahr, sind dabei, in Brüssel und in Washington in die strategischen Szenarien aufgenommen zu werden. Vor zehn Tagen noch hatte die EU-Kommission Serbien die Hand hingehalten, jetzt hat sie den Ton verschärft und droht Belgrad damit, die vorbereitenden Verhandlungen für einen EU-Beitritt zu unterbrechen, sollten sich die Serben weiterhin in Bosnien und Herzegowina einmischen. (...) Die Lage könnte im Dezember zu einer Explosion führen, wenn die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien erklärt wird, was nach den jüngsten Wahlen, von der serbischen Minderheit auf Anleitung von Belgrad hin boykottiert, wahrscheinlicher geworden ist."

"Politiken" (Kopenhagen):

"Man sollte den Menschen im Kosovo zur Wahl am Wochenende gratulieren. Sie verlief ruhig und besonnen, obwohl die Geduld nach mehr als acht Jahren Warten mit einer ungewissen Zukunft mancherorts am Ende ist. (...) Vielleicht kann der vermutlich neue Regierungschef Hashim Thaci Änderungen bringen. Seine Partei scheint die Probleme der Bürger ernster zu nehmen als die nun vor der Ablösung stehende Regierung. (...) Mehrere EU-Länder wollen die Selbstständigkeit des Kosovo wegen des zu erwartenden russischen Vetos im UN-Sicherheitsrat nicht anerkennen. Es sind auch durchaus Gefahren mit der endgültigen nationalen Unabhängigkeit für das Kosovo verbunden. Aber noch größer sind die Gefahren, wenn es noch länger im Niemandsland verbleibt." (APA)