Gelbe Eifersuchtshose: Micha Lescot in Bondys Marivaux-Inszenierung.

Foto: Pascal Victor
Eine Schwarz-Weiß-Vision der Irrungen und Wirrungen der Liebe anhand von Pierre Carlet de Marivaux’ Komödie La Seconde surprise de l’amour (Die zweite Liebesüberraschung) – Luc Bondy genügt für seine Inszenierung im Pariser Vorstadt-Avantgarde-Theater Nanterre-Amandiers ein scheinbar simples Bühnenbild (Karl-Ernst Herrmann): ein weißer Steg quer über den Bühnenraum, auf dem sich zwei schwarze Kartausen befinden und von dem einige Stufen herunterführen – quasi die Weiterentwicklung des Pawlatschentheaters.

Davor: ein fluoreszierend weißer Rahmen, der die Filmreferenz verstärkt. Marivaux’ sechs Bühnenfiguren werden in Kostümen von Moidele Bickel zu Zeitgenossen: Die um ihren Mann trauernde junge Marquise (Clotilde Hesme) trägt schwarz, ihre Zofe Lisette (Audrey Bonnet) ein weißes Minikleid zu schwarzer Strumpfhose, nur der von seiner Geliebten verlassene Chevalier (Micha Lescot), der seine Neigung zur Marquise trotz seiner Zornesanfälle erst am Schluss eingestehen kann, spaziert betont ungeschickt in einer knallgelben Eifersuchts-Hose herum.

Freundschaft? Liebe?

Der Plot ist denkbar einfach: Menschen verwechseln Liebe mit Freundschaft. Nur durch die Intervention der Zofe Lisette, die alle Fäden in der Hand behält, kommt es zum Happy-End – das durch pausenlose Missverständnisse und die Interventionen eines Philosophen (Pascal Bongard), eines die Marquise begehrenden Grafen (Roger Jendly), sowie des Chevalier-Dieners (Roch Leibovici) drei Akte lang hinaus gezogen wird.

Bondy inszeniert die Komödie mit wohldosierten Effekten. Als Routinier des psychologischen Schauspiels stellt er die zwei Frauenrollen (Marquise und Lisette) über die vier Herren und verkündet, er würde "am Theater am liebsten die Geschichten von Frauen erzählen". Deshalb wählte er die zweite Version von Marivaux’ La Surprise de l’amour.

Dieser hatte nach dem großen Erfolg der ersten, 1722 von einer italienischen Truppe in Paris uraufgeführten "Überraschung" 1729 eine "Zweite Überraschung" für die Comédie Française verfasst. Das bedeutete: Reduktion des Personals, Reduktion des Textes auf weniger als die Hälfte, Reduktion der sogenannten "Marivaudage", der amüsanten, geschliffen funktionierenden Sprache Marivaux’ auf brillante, wie Ping-Pong-Bälle hin und her springende Dialoge.

Trotz der für heutige Verhältnisse anachronistischen Struktur des Stückes, wo die Zofe die Intrigen aus Zuneigung für ihre verwitwete Herrin spinnt, funktioniert Marivaux’ Zweitfassung besser als die viel geschwätzigere erste.

Bondys Erklärung seiner Wahl der zweiten Version – er finde die (generell als perfekt eingestufte) Erstfassung "so wie das Libretto der Hochzeit des Figaro: sobald die innere Dramaturgie des Werkes wie ein perfektes Schweizer Uhrwerk funktioniert, danke ich ab" – sie klingt etwas überheblich, aber seine Regiearbeit ist dennoch betörend. Es gelingt ihm, der erstmals Marivaux auf französisch inszeniert, ein Stück des frühen 18. Jahrhunderts durchaus glaubwürdig, amüsant und dennoch (stellenweise zu) melancholisch auf die Bühne zu stellen.

Die Melancholie entspricht vielleicht Bondys gegenwärtiger Verfassung, die ihn veranlasste, kürzlich eine für März 2008 in der Pariser Staatsoper, im Palais Garnier, geplante Inszenierung von Strawinskys The Rake’s Progress "aus gesundheitlichen Gründen" abzusagen. Was angeblich keine diplomatische Formulierung war.

Die Marivaux-Aufführung ist übrigens eine Koproduktion mit dem Pariser Herbstfestival und den Wiener Festwochen, wo das Stück im Mai 2008 gastieren wird. (Olga Grimm-Weissertaus Paris, DER STANDARD/Printausgabe, 21.11.2007)