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Reprogrammierung macht es möglich: Ein japanisches Forscherteam verwandelte Hautzellen aus dem Gesicht einer japanischen Frau in "embryonale" Stammzellen.

Foto: AP/Shinya Yamanaka
Zwei Forscherteams gelang es, menschliche Hautzellen so zu programmieren, dass daraus Stammzellen mit "embryonalen" Eigenschaften wurden. Topforscher sprechen von einer "großen Sache" – zumal ethische Bedenken dadurch ausgeräumt werden könnten.

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Wien – "Diese Arbeit stellt einen riesigen wissenschaftlichen Meilenstein dar – die biologische Entsprechung des ersten Flugzeugs der Gebrüder Wright", sagt Robert Lanza, Chefwissenschafter von Advanced Cell Technology, das sich mit der Gewinnung von Stammzellen aus geklonten menschlichen Embryonen beschäftigt. "Es ist ein bisschen, als ob man lernt, Blei in Gold zu verwandeln."

Zwei Forscherteams – eines in den USA und eines in Japan – berichten unabhängig voneinander von einem bedeutenden Durchbruch in der Stammzellenforschung. Es gelang ihnen nämlich, normale menschliche Hautzellen durch Einschleusung von vier Genen so zu programmieren, dass daraus Zellen mit den Eigenschaften embryonaler Stammzellen wurden.

Die Nutzung embryonaler Stammzellen und das damit verbundene Klonen von Embryonen ist weltweit ethisch umstritten. Die einzige Möglichkeit, embryonale Stammzellen zu erzeugen, die genetisch einer Person entsprechen, bestand bislang nämlich darin, Klone dieser Person herzustellen, sie zu zerstören und ihnen die Stammzellen zu entnehmen.

Genau das war vergangene Woche US-Forschern bei Rhesusaffen gelungen. Bei Menschen indes gibt es massive Bedenken gegen diese Methode, an der bislang unter anderem Ian Wilmut, der Schöpfer des Klon-Schafs "Dolly" forschte. Medizinisch sind solche Zellen heiß begehrt, denn sie könnten kranke Zellen oder Gewebe ersetzen – etwa das zerstörte Rückenmark bei Querschnittgelähmten.

Magazin-Wettlauf

Die neue Entdeckung der beiden Teams wurden am Dienstag unabhängig voneinander von den angesehenen Fachmagazinen Cell und Science veröffentlicht. Science zog dafür eigens seine Sperrfrist vor, um bei diesem augenscheinlichen Durchbruch in der Stammzellenforschung unmittelbar mit dabei zu sein.

Die Studie in Cell wurde von einem Team um den Forscher Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto verfasst, der Artikel in Science von einer Gruppe von Wissenschaftern unter Leitung von Junying Yu, der im Labor des Stammzellenpioniers James Thomson an der Universität von Wisconsin-Madison forscht.

Beide Teams arbeiteten schon seit einigen Jahren an der Methode. Yamanaka war es bereits im Juni gelungen, Bindegewebszellen aus dem Schwanz von Mäusen so zu reprogrammieren, dass daraus "embryonale" Stammzellen wurden. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis das beim Menschen gelang.

Für ihre Arbeit benutzten die beiden Teams verschiedene Zellen: Yamanaka verwendete Hautzellen aus dem Gesicht einer 36-jährigen Frau, Thompson nahm Vorhautzellen eines Neugeborenen. Beide nutzten Viren, um vier Gene in die Hautzellen einzuschleusen.

"Riesige Sache"

"Das ist eine riesige Sache", erklärte Rudolf Jaenisch, ein prominenter Stammzellenforscher am Whitehead Institute in Cambridge im US-Staat Massachusetts. Sein Kollege Meinrad Busslinger vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien schließt sich dieser Einschätzung im Gespräch mit dem Standard an. "Wenn zwei Teams unabhängig zu diesen Ergebnissen kommen und es auch schon bei Mäusen gelungen war, dann muss das funktionieren." Allerdings gibt es noch einen Haken: Die Technik zerreißt die DNA der Hautzellen, was potenziell zur Entstehung von Krebs führen kann. Damit verbietet sich bislang eine Nutzung bei der medizinisch so begehrten Gewinnung von Transplantationsgewebe.

Die Zerstörung der DNA ist allerdings nur ein Nebenprodukt der Technik. Deshalb ist Busslinger optimistisch: "Spätestens in einem Jahr wird man das im Griff haben." Was auch dafür spricht: "Dolly"-Schöpfer Ian Wilmut hat bereits angekündigt, mit seinen Forschungen ganz auf die neue Methode umzusatteln. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 21. November 2007)