Wien - Tote, die im Kreis transportiert werden, Platzmangel in Leichen-Kühlräumen, Streit um Obduktionszeiten in den Spitälern: Die Wiener Grünen-Stadträtin Maria Vassilakou sieht auf die Bundeshauptstadt ab kommendem Jahr - und in weiterer Folge auch in anderen Regionen Österreichs - ein "makabres Chaos" zukommen.Schuld an diesen schwarzen Zukunftsaussichten trage in Wien "letztendlich die Gemeinde", meinte die Politikerin am Dienstag bei einem Hintergrundgespräch. Mit der Entscheidung, Obduktionen im Auftrag der Stadt künftig nicht mehr im Gerichtsmedizinischen Institut in der Wiener Sensengasse, sondern in den Pathologien der kommunalen Spitäler durchzuführen, habe sie dem ohnehin seit Jahren dahinsiechenden Leichenbeschauwesen seinen Todesstoß versetzt. Dem Gerichtsmedizinischen Institut sei dadurch der wichtigste Auftraggeber entschwunden. Notleine gezogen

Kein Wunder also, dass die Medizinische Universität Wien als Betreiberin des Instituts vergangene Woche die Notleine gezogen habe. Wie im Standard berichtet, soll das Leichenaufschneiden ab 2008 dort nur noch für Forschung und Lehre durchgeführt werden: eine Entwicklung, die sich laut der Politikerin auch in anderen Landeshauptstädten mit einschlägigen universitären Instituten anbahnt.

Für Vassilakou liegt es jetzt in der Verantwortung der Gemeinde Wien, aus dieser Situation wieder einen Ausweg zu finden. Das sei nicht zuletzt im "sicherheitspolitischen Interesse der Bevölkerung" wichtig: Werde nämlich in der Breite weniger obduziert, kämen weniger vertuschte Verbrechen ans Tageslicht.

Ihr konkreter Vorschlag: "Die Gemeinde setzt jene Dienstanweisung an die Amtsärzte außer Kraft, mit der die Zahl sanitätsrechtlicher Obduktionen reduziert werden soll. Sie ergreift die Initiative und redet sich mit sämtlichen Playern zusammen, um Wege zu sichern, die das Institut wieder kostendeckend wirtschaften lassen." In weiterer Folge könne die Stadt mit der Medizinischen Universität, dem Wissenschafts- und Justizministerium eine Gerichtsmedizin-Finanzierungsgesellschaft gründen.

Kein positives Feedback ist diesen Überlegungen vonseiten der zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely (SP) beschieden. Die Obduktionszahlverringerung samt Spitalslösung sei "ein guter Mittelweg", sagte sie zum Standard. Immerhin nämlich lägen die Kompetenzen für das Gerichtsmedizinische Institut "beim Wirtschaftsministerium". Doch wenn es unter dessen Federführung zu einer Initiative für eine tragfähige Lösung kommen sollte, "bin ich sofort bereit, die städtischen Obduktionen statt in den Krankenhäusern wieder am Institut durchführen zu lassen".

Hahn versteht das Aus

Im Justizministerium, das bisher als Auftraggeber gerichtlich angeordneter Obduktionen an das Institut fungierte, bläst man in dasselbe Horn. "Die Verantwortung trägt das Wissenschaftsressort, uns sind finanziell die Hände gebunden. Wir sehen uns als Kunden, sind aber bereit für Gespräche", sagt dort Pressesprecher Thomas Geiblinger.

Ähnliche Ankündigungen höre er "jetzt schon seit zehn Jahren", ärgert sich Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) - "und da darf sich keiner wundern, wenn es eine harte Entscheidung gibt". Für das von der Uni dekretierte Aus in der Wiener Sensengasse hat er im Standard-Gespräch "vollstes Verständnis: "Kein Wunder, wenn man einmal die Nerven verliert." (Irene Brickner/Der Standard, Printausgabe, 21.11.2007)