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Düstere Aussichten für Österreichs Schafe: Voraussichtlich schon im nächsten Jahr wird die Blauzungenkrankheit auch unser Land erreichen. Das mildere Klima macht es möglich, dass sich der Bluetongue-Virus auch hier ausbreiten kann.

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2,5 Millionen Gnitzen - jenen Mücken, die das Virus übertragen - wurden in Österreich bereits gefangen.

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Mittlerweile sind auch Österreichs Wiederkäuer von der Tierseuche ernsthaft bedroht. Schuld dürfte - einmal mehr - die Klimaerwärmung sein.

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Am Anfang steht das Fieber. 40° C oder mehr zeigt das Thermometer an, das Schaf ist offensichtlich schwer krank. Seine Glieder sind aufgedunsen, die Bewegungen steif. Lippen und Zunge des schwer atmenden Tieres zeigen sich blau angelaufen und geschwollen, aus den Nasenlöchern rinnt Schleim. Der Tierarzt schüttelt bedenklich den Kopf. Er wird den Behörden einen weiteren Fall melden müssen.

Blauzungenkrankheit ist eine für Menschen vollkommen ungefährliche Tierseuche, die verschiedene Arten von Wiederkäuern befällt. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich auf dem afrikanischen Kontinent.

Hauptopfer Schaf

Der Erreger - ein Virus aus der Familie Reoviridae - wird ausschließlich von winzigen Mücken ("Gnitzen") der Gattung Culicoides beim Blutsaugen übertragen. Infektionen wirken sich sehr unterschiedlich aus, am stärksten trifft es Schafe.

Bei ihnen beträgt die Sterberate in manchen Herden bis zu 80 Prozent. Rinder sind meist resistenter, aber auch sie können unter schweren Symptomen leiden.

Noch vor einem Jahrzehnt war die Blauzungenkrankheit in Europa praktisch unbekannt. Sie trat in seltenen Fällen in Südspanien und auf einigen griechischen Inseln auf und gelangte wohl aus Nordafrika bzw. dem Mittleren Osten dorthin.

Doch seit 1998 breitet sich "Bluetongue" (BT) stetig aus. Die Iberische Halbinsel, Südfrankreich, Italien und große Teile des Balkans verzeichnen immer mehr Infektionen. Bis 2005 starben in diesen Gebieten schätzungsweise eine Million Schafe.

Erreger im Vormarsch

Im August 2006 tauchte die "Blaue Gefahr" unerwartet in den Niederlanden nahe der deutschen Grenze auf. Seitdem scheint es kein Halten mehr zu geben. Belgien, Luxemburg und Nordfrankreich wurden schnell von der Krankheit erobert, England inzwischen ebenfalls.

In Deutschland ist sie weit nach Osten und Süden vorgedrungen, und die Schweiz meldete den ersten Fall im vergangenen Oktober aus Basel. Um den Vormarsch wenigstens zu bremsen, werden weitläufige Sperr- und Überwachungszonen eingerichtet. Letztere berühren in Vorarlberg bereits österreichisches Gebiet. "Bluetongue wird voraussichtlich 2008 unser Land erreichen", erklärt Veterinärmediziner Josef Köfer von der "Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit" (AGES) gegenüber dem Standard. "Es fragt sich nur: Wann genau und wo?"

Als möglichen Auslöser für die Epidemie haben viele Wissenschaftler den Klimawandel im Verdacht. Der BT-Virus ist nämlich kälteempfindlich und kann sich bei niedrigen Temperaturen nicht in den Gnitzen vermehren. Abgesehen davon fördert mildes Winterwetter die Aktivität und Überlebensrate der übertragenden Insekten.

In deutschen Viehställen wurden im vergangenen Jahr jedenfalls sogar kurz vor Weihnachten noch blutsaugende Culicoides gefunden.

In Österreich haben die AGES und Experten des Wiener Naturhistorischen Museums (NHM) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ein Forschungsprojekt zum Thema Blauzungenkrankheit gestartet.

Die Fachleute untersuchen regelmäßig Blutproben von Schafen und Rindern, und sie betreiben seit Juni dieses Jahres in 50 Bauernhöfen quer durch die Republik spezielle Lichtfallen. "Insgesamt haben wir bisher 4,4 Millionen Insekten gefangen", berichtet der NHM-Zoologe Peter Sehnal. "Darunter waren etwa 2,5 Millionen Culicoides."

Das Virus dürfte hierzulande also günstige Bedingungen vorfinden, zumindest bis in Höhen von 1400 Meter. Darüber wird es ihm wahrscheinlich zu kalt sein. Derweilen noch. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 21. November 2007)