Jacques Chirac behauptete, die Weltmeistermannschaft von 1998 sei ein Beleg für die erfolgreiche Integrationspolitik Frankreichs. Die Krawalle in den Pariser Vororten haben den Staatspräsidenten als einen Flunkerer enttarnt. ÖFB-Präsident Friedrich Stickler hätte das wissen müssen, bevor er auf der Regierungsplattform über die integrative Kraft des Fußballs erzählte. Selbstverständlich lassen sich Beispiele und Argumente für die politische Wirkung des Sports finden, aber nicht mit einer der üblichen Funktionärsphrasen: Wer Sport treibt, ist ein besserer Mensch.

Der Glaube, eine Gruppe von Spitzensportlern könne komplexe, multikausale Veränderungen einer Gesellschaft sichtbar machen und befördern, zeigt, wie stark einander Politik und Populärkultur, vom Sport bis zur Popmusik, überschneiden. Die Populärkultur beeinflusst die Politik, und die Politik bedient sich der darstellenden und erzählenden Mittel der Populärkultur. Wer „das Volk“ vertreten will, muss es dessen Vorstellungen entsprechend repräsentieren. Prominenz ist keine Akzidenz, sondern längst eine Bedingung der Regierungsfähigkeit. Und erfolgreiche Sportler, allen voran Fußballer, repräsentieren ununterbrochen in der Öffentlichkeit. Nämlich sich selbst.

Das kickende und skifahrende Personal steht für eine Welt, die im Gegensatz zu dem mit Misstrauen beobachteten, rätselhaften Raum der Politik als wahr, authentisch, volksnah empfunden und vermittelt wird. Der Sport profitiert von seinem sympathischen Ruf, „unpolitisch“ zu sein.

Daran ändert sich auch nichts, wenn einige seiner Vertreter in die Politik eingreifen. Die französischen Weltmeisterkicker Zidane und Thuram haben sich gegen die fremdenfeindliche politische Rechte ausgesprochen. Der Kapitän des österreichischen Wunderteams der 30er-Jahre, Matthias Sindelar, ging als Held des Widerstands gegen die Nazis in die Geschichte ein, obwohl er ein arisiertes Café gekauft hatte.

Die Kompliziertheit der Welt zerschellt an den Gefühlen für (erfolgreiche) Sportler. Georg Spitaler hat den Beitrag der Skisportler zur Bildung der „neoalpinen Idylle“ Österreich beschrieben. International erfolgreiche Einzelunternehmer wie Hermann Maier oder Benjamin Raich werden von den Medien als „Maurer wie du und ich“, „naturnah“ und „natürlich“ verkauft. Sie sind hochbezahlte Stars und werden als virtuelle Naturburschen vermarktet. Toni Sailer, der Star, bevor es das Starsystem gab, stilisierte sich seit den 50ern zum Helden des Wiederaufbaus nach 1945.

Das politische System des Populismus nutzt die Gegensätzlichkeit von unsympathischer Politik und sympathischem Sport, und es spielt mit den Mitteln des Sportlers, um ehrlich, lustbetont, jung und dynamisch zu scheinen. Prominenz in den Medien bringt Quasi-Kompetenz, um fehlende Qualifikation oder demokratische Macht zu ersetzen.

Populisten wollen den „wahren Willen des Volkes“ gegen den diffusen „Machtapparat“, dessen Teil sie sind – wie im Ortstafelkonflikt –, verteidigen. Sie vertrauen darauf, dass ihr Opportunismus dank des von ihnen arrogierten sportlichen Handlungsinstrumentariums bei vielen Bürgern nicht als unangenehm oder inszeniert, sondern als authentisch ankommt.

Welche emotionale und damit politische Kraft der Sport entfaltet, ließ sich an der Euphorie der Engländer ablesen, nachdem ihnen Israel mit einem 2:1 über Russland die EURO-Tür geöffnet hatte. Mag sein, der Fußball trug Israel bei vielen Engländern mehr Sympathien ein als alle Bemühungen um einen Nahostfrieden.

Die Schwäche des ÖFB-Teams wiederum gilt als Schwäche Österreichs, als Verrat an der Sehnsucht nach nationaler Stärke. Die Welt ist kalt, am Nationalteam lässt es sich wärmen. Am Mittwoch musste das Stadion gegen die Tunesier verteidigt werden. Aber wären sie nicht gekommen, hätte es kein Länderspiel gegeben. Das ist das große Rätsel, das die Populisten nicht knacken: Die Größe des einen ist nur möglich, wenn der andere auch groß sein kann. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 22. November 2007)