Der Fehlerteufel wütet nicht nur in diesem Heft, sondern auch im Schulsystem - Das soll sich bald ändern

Foto: STANDARD/ Christian Fischer

Otto Glöckel hat sich in den 72 Jahren, in denen er tot ist, wohl schon öfter in seinem Ehrengrab am Meidlinger Friedhof umgedreht. Denn die Idee des großen Wiener Schulreformers alle Zehn- bis 14-Jährigen in einer Gesamtschule zusammenfassen, wurde bis heute nicht umgesetzt. Die Trennung der gesellschaftlichen Klassen in Hauptschule (HS) und Gymnasium blieb bestehen.

"Man braucht sich nur anschauen, wo in Wien die Gymnasien stehen", sagt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl. Die Trennung der HS und der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS), die einen auf die Außen- beziehungsweise Arbeiterbezirke, die anderen auf die bürgerlichen, innerstädtischen Bezirke konzentriert, "war vielleicht für das 19. Jahrhundert gut", sagt Brandsteidl, die vor ein paar Jahren das Modell Gesamtschule noch als "anachronistisch" abtat. Heute ist die Stadtschulratspräsidentin der Meinung, es sei höchste Zeit, "die Schule dorthin zu bringen, wo die Schüler sind" und damit seien nicht nur die Außenbezirke gemeint. Das neue Modell soll auch Nachmittagsbetreuung beinhalten, "die Eltern haben als Nachhilfelehrer ausgedient."

Neue Form der Gesamtschule

Die AK-Bildungsexpertin Johanna Ettl befürchtet, dass die Gesamtschule nur eine von drei Schulformen sein wird. "Wien muss ein Konzept entwickeln, das für das gesamte Stadtgebiet gilt." In der Bundeshauptstadt werden immerhin seit 36 Jahren Schulversuche durchgeführt – am längsten hielt sich die Kooperative Mittelschule. In einem Monat stellt der Stadtschulrat nun eine neue Form der Gesamtschule mit innerer Differenzierung vor, in deren Genuss ab 2009 alle Zehn- bis 14-Jährigen kommen sollen. Für VP-Bildungssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager, muss die Schule der Zukunft vor allem eines werden: europäischer. "Das Sprachenangebot an den Schulen und im Kindergarten muss verbreitert, die Mehrsprachigkeit der Kinder von klein auf gefördert werden."

45,6 Prozent der Wiener haben Migrationshintergrund

45,6 Prozent der Wiener Taferlklassler in den 284 Volksschulen haben Migrationshintergrund. Die 2800 Sprachtickets für Kindergartenkinder sollen jene beanspruchen, die noch nicht Deutsch können. Diese seien "für die Katz", sagt Bildungsexpertin Ettl. "Man muss die Kinder mit Deutschsprachigen zusammen bringen, anstatt extra Kurse für Migranten zu machen." Um Integration in der Schule zu fördern, wurden in Wien 302 Lehrer zusätzlich angestellt, 167 Dienstposten sind für muttersprachlichen Unterricht abgestellt. "Viel zu wenig", sagt Grünen-Schulsprecherin Susanne Jerusalem. 35 bis 40 Prozent aller Schüler kommen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, "nicht alle sind Migranten".

Positive Diskriminierung

Schulen mit hohem Migrationsanteil sollen "positiv diskriminiert" werden, fordert die Grüne. VP-Stadträtin Cortolezis-Schlager plädiert dafür, die Stadtentwicklung mit der Schulentwicklung zu koppeln, um zu verhindern, "dass es in einigen Schulen zu viele Kinder gibt, die sozial benachteiligt sind". Weder Jerusalem noch Cortolezis-Schlager trauen der Stadtschulratspräsidentin Brandsteidl die große Schulreform im Sinne von Otto Glöckel zu. (Andrea Heigl/Marijana Miljkoviæ/ DER STANDARD Printausgabe 22.11.2007)