Der Bock unter den Bieren: Die Starkbiere haben nur dem Namen nach mit dem gehörnten Vieh zu tun.

Foto: Matthias Cremer
Die Bockbierzeit beginnt am 1. Dezember - auch wenn die Bockbieranstiche alle im mehr oder weniger frühen Herbst waren und die Etiketten der Bockbierflaschen auch etwas anderes sagen. "Weihnachtsbock" steht da oder "Stefanibock". Als ob man auf das Bier erst zum Heiligen Abend oder gar erst zum Fest des Heiligen Stephan am 26. Dezember trinken sollte. Nein, dafür ist es nicht gedacht.

Aber das ist nur der auffälligste Irrtum, den es um das Bier im Zeichen des Bockes gibt: Jeder weiß ja inzwischen, dass man es schon vor dem Fest trinken kann. Wenige aber wissen, dass man es eigentlich vor den Festtagen trinken sollte.

Denn das Bockbier gehört nicht zum Weihnachtsfest, sondern zu den Wochen davor: Die Adventzeit ist ja genau genommen eine Fastenzeit, nur nehmen wir es eben jetzt nicht mehr so genau. Wir machen keinen Unterschied zwischen Martini- und Weihnachtsgans, wir erlegen uns keine Beschränkungen auf, wenn wir zwischen jetzt und Weihnachten bei jeder sich bietenden Gelegenheit herzhaft ein Festtagsessen genießen.

Fünf bis acht "Zumessungen" pro Tag

Das sollten wir nicht, sagt die Kirche - im Advent sollte man fasten und nicht Sättigendes essen. Der Ausweg unserer viel glaubensstrengeren Vorfahren (und besonders der Mönche) war die Regel, dass Flüssiges das Fasten nicht bricht ("quod liquidem non frangit ieuniam"). Also wurde Bier getrunken, bevorzugt starkes, also alkohol- und damit kalorienreiches Bier - fünf bis acht "Zumessungen" pro Tag sind aus verschiedenen Klöstern überliefert. Kein Wunder, wenn die Choräle des Weihnachtsfestkreises dann mit besonderem Frohsinn gesungen worden sind.

In den Klöstern hieß das Starkbier auch nicht Bockbier sondern "celia" - also "das Himmlische". Der Bock kommt auf viel weltlichere Weise zum Starkbier.

Starkbiere waren nämlich seit dem Mittelalter ganz profan wertvolle Biere, die nicht nur von den Mönchen geschätzt wurden: Vielmehr hat man in Gegenden, wo viel Getreide zur Verfügung gestanden ist, mehr Malz zum Brauen genommen, um stärker konzentrierte Biere zu brauen, die dann auch länger haltbar und weiter transportfähig waren: Starkes, wohlschmeckendes und nahrhaftes Bier war in Zeiten einer allgemein schlechten Kalorienversorgung durchaus ein gefragtes Handelsgut. Und die Schiffe der Hanse haben es in der ganzen damals dem Welthandel erschlossenen Welt verfügbar gemacht. Zeitweise hat gut ein Drittel der Lasten der Hanse aus Bier bestanden. Wobei nicht nur die küstennahen Städte Hamburg (das als "Brauhaus der Hanse" galt) und Rostock das profitable Biergeschäft betrieben haben - auch das weiter auf dem Festland gelegene Städtchen Einbeck hatte seinen Anteil. "ainpöckhisch pier" Die Bürger von Einbeck brauten ihr Bier ausgesprochen stark - das "ainbeckisch" genannte Bier hatte einen guten Ruf, Martin Luther kräftigte sich damit für manchen Disput, und selbst der bayerische Herzog hielt dieses Starkbier in hohen Ehren. Bis man in München auf die Idee gekommen ist, einen Braumeister aus Einbeck anzustellen, der dann ein "ainpöckhisch pier" braute - das im gemütlichen bayerischen Tonfall zu "a bockisch pier" oder eben "a Bockbier" geworden ist. Die Ziegenböcke, die auf den diversen Bockbierwerbungen zu sehen sind oder gar als Maskottchen zum Bockbieranstich mitgeschleift werden, haben mit dem Bier nichts zu tun. Sie sind im besten Fall gutmütig genug, keinen Trankler umzustoßen. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/23/11/2007)