Wien - Seit 1. Oktober hat ein neues außeruniversitäres Institut in Wien geöffnet: In dem von der Universität Wien und der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien gemeinsam gegründeten "Vienna Institute of Finance" stärken beide Einrichtungen ihre Kräfte im Bereich der Finanzmathematik - und schlagen damit für den Experten Damir Filipovic (37) einen innovativen Weg ein: "Spätestens ab jetzt wird man Wien als ein Zentrum für Finanzmathematik in Europa wahrnehmen", sagte der Schweizer, der im Rahmen einer Stiftungsprofessur des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) die wissenschaftliche Institutsleitung übernahm.

Auch wenn London Europas Finanzplatz Nummer eins bleiben wird: Die Zusammenführung von Mathematik und Wirtschaftswissenschaften buchstäblich unter einem Dach - "dieses Konstrukt ist europaweit mehr oder weniger einzigartig", so Filipovic. Erbrachten das Team um den Finanzmathematiker Walter Schachermayer der Technischen Universität (TU) Wien, Forschungspartner des Vienna Institute of Finance, sowie Wissenschafter der WU und Uni Wien bereits exzellente Leistungen, so erwartet sich der Forschungsdirektor eine hervorragende Außenwirkung des neuen Instituts.

Dotierung

Das Vienna Institute of Finance widmet sich primär der Forschung. Noch sind der Zusammenarbeit der im Institut integrierten Gruppen räumlich Grenzen gesetzt. Das derzeitige Quartier in der Wiener Wirtschaftsuniversität ist nur eine Übergangslösung. Der Umzug in die Heiligenstädter Straße in Wien-Döbling ist bereits mit 1. Februar 2008 angesetzt. Filipovics Team umfasst drei Post-Docs (Senior Scientists) und drei Doktoranden. Für die nächsten fünf Jahre ist seine Stiftungsprofessur über den WWTF mit 1,5 Mio. Euro dotiert, die weitere Finanzierung des Instituts übernehmen die Universitäten.

Die Lehre im Graduiertenbereich ist für Filipovic aber auch ein wichtiges Standbein: "Es ist nun einmal Faktum, dass eine wissenschaftliche Institution nur dann erfolgreich und vor allem international sichtbar ist, wenn sie auch gleich die Graduierten heranbildet. Das sind schließlich auch die Werbeträger und die, die später in die Welt ausziehen." So wird das Vienna Institute of Finance mit dem 2005 gegründeten Doktoratskolleg "Vienna Graduate School of Finance" (VGSF) kooperieren.

Versicherungsmathematik

Die Finanzwirtschaft gilt als ein vielversprechendes Feld für die Anwendung von Mathematik. Die Finanzmathematik ist heute für Filipovic nicht mehr von der Versicherungsmathematik zu trennen. Letzteres Know-how bringt der Schweizer mit: Er arbeite u.a. ein Jahr für das Schweizerische Bundesamt für Privatversicherungen in Bern und war Mitentwickler des "Swiss Solvency Test" - dem Schweizer Pendant des "Solvency II"-EU-Rahmenwerkes, das sich vor allem mit der risikobasierten Eigenmittelhinterlegung bei Versicherungsunternehmen befasst.

"Sei es im Haftpflicht- oder Schadensbereich oder bei Pensionsansprüchen - für diese Verpflichtungen muss es bei Versicherungen entsprechende Rückstellungen geben. Keine einfache Aufgabe", so der Finanzmathematiker. Spielte das Anlage-Risikomanagement bei Versicherungen in den 1990er Jahren noch eine eher untergeordnete Rolle, so kam es - ausgelöst durch den Zins-Crash 2001 - zu einem Paradigmenwechsel. Mathematiker sind stärker denn je gefragt, Methoden für das Risikomanagement zu liefern. "Wir machen zu den Prognosemodellen die Mathematik. Wir verwenden dabei Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik und bereiten die Methodologie für die Programme auf", so Filipovic. Optimale Kapital- und Risikostrukturen für Banken und Versicherungen sind ein Forschungsgebiet des Instituts, die zwei anderen beziehen sich eher auf reine Finanzmathematik: auf Kredit- und Zinsrisiken.

Filipovic war zuvor als Professor für Finanz- und Versicherungsmathematik an der Universität München tätig. (APA)