Belgrad/Pristina - In der Endphase der Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo werden Vertreter Belgrads und Pristinas am Montag zu ihrer voraussichtlich letzten Gesprächsrunde in Baden bei Wien zusammenkommen. Die dreitägige Zusammenkunft soll laut serbischen Medienberichten unter vollem Ausschluss der Öffentlichkeit im Hotel Schloss Weikersdorf stattfinden. Eine Pressekonferenz soll es - wenn überhaupt - erst am Mittwochnachmittag geben, so die Tageszeitung "Vecernje novosti".

Das Belgrader Blatt zog am Freitag Parallelen zwischen dem bevorstehenden Kosovo-Treffen und der kurz als "Dayton" bezeichneten Bosnien-Friedenskonferenz, die im November 1995 auf dem Militärstützpunkt Dayton im US-Bundesstaat Ohio abgehalten wurde. Ähnlich wie das aus Dayton resultierende Friedensabkommen am 12. Dezember in Paris unterzeichnet worden war, solle auch die Kosovo-Troika UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon um den 10. Dezember über die Verhandlungsergebnisse informieren, stellte die Zeitung fest. Die zwischen beiden Seiten vermittelnde Troika aus Russland, EU und den USA leitet seit August die Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina.

Von abschließenden Gesprächen weit entfernt

Vor den abschließenden Gesprächen sind die Standpunkte Belgrads und Pristinas zum Kosovo-Status genauso weit voneinander entfernt wie zu Gesprächsbeginn. Belgrad widersetzt sich einer Unabhängigkeit, wäre aber bereit, einer breiten Autonomie zuzustimmen. Das serbische Verhandlerteam hatte bei den vergangenen zwei Gesprächsrunden in Brüssel und zuvor in Wien Hongkong und die zu Finnland gehörenden Aland-Inseln mit schwedischsprachiger Bevölkerung als mögliche Lösungsmodelle zur Sprache gebracht.

Die Kosovo-Albaner weisen jedwede Autonomie-Idee vehement zurück und drängen zur Unabhängigkeit. Führende kosovo-albanische Politiker hatten in den vergangenen Wochen auch mit der einseitiger Ausrufung der Unabhängigkeit gleich nach dem 10. Dezember gedroht. Der Chef der Demokratischen Partei (PDK), Hashim Thaci, der als Sieger der kosovarischen Parlamentswahl am vergangenen Samstag als Premier das Ruder übernehmen soll, versicherte am Dienstag in Brüssel, dass Pristina seine Schritte nach dem 10. Dezember mit Washington und Brüssel koordinieren werde.

Hoffnung auf Unabhängigkeit vor Jahresende

Thaci hofft dennoch auf eine Unabhängigkeit noch vor Jahresende. Sein Parteifreund, der ehemalige Kosovo-Premier Bajram Rexhepi, zeigte sich Medien gegenüber zurückhaltender. Er erwarte, dass der Troika-Bericht bis Jahresende in den UNO-Sicherheitsrat komme. Mit einer Unabhängigkeit rechne er bis Mitte Februar 2008, sagte Rexhepi albanischsprachigen Medien gegenüber.

Vor der entscheidenden Badener Runde hat Belgrad am Donnerstag erneut die Unterstützung Moskaus für seinen Standpunkt erhalten - gegen eine nur für Pristina annehmbare Lösung, offensichtlich aber auch für das serbische Anliegen, Gespräche über den 10. Dezember hinaus fortzusetzen.

Ermutigt

Belgrad sei vom Standpunkt Moskaus ermutigt, meinte Außenminister Vuk Jeremic nach seinem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. Man sei jetzt sicher, dass es im UNO-Sicherheitsrat keine Entscheidung geben werde, die nicht auf dem Völkerrecht beruhen werde, präzisierte der Minister. Völkerrechtlich ist der Kosovo, der seit Kriegsende im Juni 1999 von der UNO verwaltet wird, weiterhin ein Bestandteil Serbiens.

Mit dem Heranrücken der festgesetzten Frist für die Verhandlungen hat sich in Belgrad die Rhetorik zugespitzt. Belgrad sei "Druck von außen und offenen Drohungen" ausgesetzt, auf den Kosovo zu verzichten, erklärte Ministerpräsident Vojislav Kostunica. "Alle, die sich am Raub unseres Gebietes im Widerspruch zum Völkerrecht beteiligen, stellen sich mit jenen gleich, die 1938 durch das Münchner Abkommen ermöglicht haben, dass Adolf Hitler der Tschechoslowakei das Sudetenland wegnimmt", meinte sein Parteikollege, Energieminister Aleksandar Popovic.

Plädoyer

Der serbische Infrastrukturminister Velimir Ilic plädierte am Freitag gar für die Unterbrechung weiterer Gespräche Belgrads mit der Europäischen Union, sollte diese einen einseitig ausgerufene Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen. Serbien habe in der EU in einem solchen Fall nichts zu suchen und solle sich "anderen Freunden in der Welt" zuwenden, so Ilic.

In der serbischen Regierung laufen gleichzeitig offenbar auch Vorbereitungen für den Tag nach der Status-Entscheidung. Alle Ministerien wurden aufgefordert, ihre Aktionspläne für den Fall vorzubereiten, dass der Kosovo einseitig seine Unabhängigkeit ausruft. Diese sollen die im Kosovo lebenden Serben und andere Nicht-Albaner der Hilfe Belgrads versichern.

Gewalt

Dass es im Kosovo unter Umständen auch zu Gewalt kommen könnte, machten unterdessen zwei bewaffnete Gruppen klar - eine albanische und eine serbische, deren Tätigkeit in der von der UNO verwalteten Provinz untersagt wurde. Die "Albanische Nationalarmee" (AKSh) tauchte neuerdings wieder im Norden des Kosovo auf. In Serbien droht die "Garde des Heiligen Kaisers Lazar" mit einem Krieg für die "Befreiung des Kosovo" und dem Angriff auf Pristina.

Die mazedonische Polizei wurde an der Grenze zum Kosovo am Donnerstag erneut fündig. In der Grenzkommune Tearce wurden Raketenwerfer samt Munition entdeckt. Für wen die Waffen bestimmt waren, ist nicht bekannt. Vor zwei Wochen hatte die Polizei in derselben Region nach einer mehrstündiger Schießerei mit einer bewaffneten Albaner-Gruppe ebenfalls beträchtliche Waffenmengen sichergestellt. (APA)