Schaufenstermode oder Architektur? Der Beitrag "urbanism for sale" von feld72 orientiert sich ganz bewusst an den Spielregeln des Kapitalismus. Auf T-Shirts, Universal-Werbeträgern schlechthin, werden die Inhalte transportiert.

Fotos: feld72, Corn
STANDARD: Der erste Eindruck von der 7. Architekturbiennale?

Lilli Hollein: Das Thema der heurigen Biennale lautet "Architecture – The Public and the Private". Und damit wird ein Trend der letzten Jahre aufgegriffen, nämlich die Frage nach dem öffentlichen und privaten Raum bzw. die Aneignung der Öffentlichkeit. São Paulo ist für mich die ideale Plattform, um dort mit jungen Architektinnen und Architekten und deren konzeptionellen Projekten aufzutreten. Deutschland hingegen kommt mit einer riesigen, zu einem Teppich gewobenen schwarz-rot-goldenen Flagge daher, auf der Attribute wie etwa Disziplin, Ordnungssinn und Pünktlichkeit draufstehen. Nachdem Humor ja nicht gerade zu den augenscheinlichsten deutschen Attributen zählt, könnte man das deutsche Projekt auch als Hardcore-Verkaufsstrategie auffassen.

STANDARD: Kann man auf der Biennale einige architektonische Trends ausmachen?

Hollein: Die einzelnen Länderbeiträge sind völlig unterschiedlich. In erster Linie handelt es sich dabei in gewisser Weise um eine Leistungsschau der einzelnen Architekturnationen. Einen wirklichen roten Faden gibt es nicht. Interessant habe ich aber gefunden, dass sich Südafrika und Österreich offensichtlich die selben Fragen stellen.

STANDARD: Die wären?

Hollein: Wie wird der öffentliche Raum in Besitz genommen? Wie wird der öffentliche Raum reglementiert? Wer macht die Regeln? Und vor allem: Warum nimmt man sich so selten das Recht, etwas einzufordern und gewisse Regeln auch einmal zu brechen?

STANDARD: Als österreichische Kommissärin haben Sie ein junges Büro in den Ring geschickt.

Hollein: Ich finde es bemerkenswert, dass Österreich so eine junge und innovative Architekturszene hat und dass sich die Öffentlichkeit auch voll und ganz zu dieser jungen Generation bekennt. Das ist ein öffentliches und politisches Statement. Meines Erachtens gibt es unter den jungen Architekten in Österreich niemanden anderen, der sich mit dem Thema "Öffentlicher Raum" auf eine so herausragende Weise befasst wie das Büro feld72. Die Arbeiten sind zum einen performativ und experimentell, zum anderen deckt feld72 aber auch die klassischen Architekturaufgaben und Wettbewerbs-Beteiligungen ab.

STANDARD: Der Beitrag von feld72 lautet "Urbanism for Sale". Findet jetzt der Ausverkauf der Städte statt?

Hollein: Wenn man einen Blick nach Brasilien, nach Indien oder etwa nach China wirft, dann ist klar: Ja, die Städte werden ausverkauft. In São Paulo werden die Favelas schon bald wertvoller Grund sein. Die Investoren werden alles Mögliche daran setzen, um die Liegenschaften innerhalb der Stadt zu verwerten und teuer weiterzuverkaufen. Das Gleiche passiert in Mumbai, das gleiche passiert in Peking. Wo gestern noch traditionelle Hutongs waren, steht heute ein Hochhaus von Baumschlager Eberle. Im Eiltempo wechselt der Raum hier nicht nur die Besitzer, sondern auch seine Wertigkeit oder – um es noch unmissverständlicher zu sagen – seinen Marktwert. Viele Leute bleiben dabei auf der Strecke.

STANDARD: Also ein schlechtes Attest für den Städtebau?

Hollein: Aus meiner Sicht als Kuratorin stelle ich fest, das der Wandel der Städte in einem rasanten Tempo stattfindet. An vielen Orten dieser Welt wird es dadurch irgendwann zu einem kulturellen Stillstand kommen. Städte sind etwas Organisches, sie sind in ihrem Wachsen a priori etwas Langsames. Dieser Zellhaufen braucht Zeit, um sich zu entwickeln und zu gedeihen. Aber nachdem ich keine fatalistische Weltuntergangsanhängerin bin, glaube ich, dass sich vieles wieder fügen wird. Man muss aber die Investoren und Politiker an ihrem sozialen Gewissen packen – Architektur hat die Mittel dazu.

STANDARD: Der Beitrag "Urbanism for Sale" von feld72 kommt gerade recht. Vor einiger Zeit hat Gilberto Kassab, Bürgermeister von São Paulo, ein Werbeverbot über die gesamte Stadt verhängt.

Hollein: Ja, das ist ein ungewöhnlicher Schritt gewesen. Plötzlich gibt es in der 20-Millionen-Metropole einen Bürgermeister, der davon überzeugt ist, dass Werbung im öffentlichen Raum eine visuelle Umweltverschmutzung ist. Mit dem Wegfall der gesamten Werbeflächen, wie dies im letzten Jahr der Fall gewesen ist, wird eine riesige Sehnsuchtsmaschinerie gestoppt. Erstmals ist São Paulo in der einzigartigen Situation, dass die materiellen Begehrlichkeiten nicht mehr überlebensgroß über den Köpfen der Brasilianer hängen. Ein derartiges Werbeverbot hat natürlich immense soziale und ökonomische Konsequenzen. Ich frage mich, ob ein derart boomender Standort wie São Paulo so eine Maßnahme verträgt oder ob man da nicht auch einen Schuss nach hinten abfeuert. Eines ist klar: Man hat ein Instrument aus der Hand gegeben, das für Reichtum und Wohlstand steht.

STANDARD: Ist São Paulo nun eine Geisterstadt?

Hollein: Am augenscheinlichsten ist der Wegfall der Werbung für mich vor allem in der Nacht. Sie stehen im 30. Stock eines Hochhauses und schauen in die Nacht hinaus. Das Einzige, das blinkt, sind die Hubschrauber-Warnlichter an den Spitzen der Antennenmaste. Und dann gibt es noch eine riesige Datums- und Temperatur-Anzeige, die über der ganzen Stadt thront und von überall sichtbar ist. Stellen Sie sich den Times Square ohne Licht vor, stellen Sie sich Tokyo ohne Glitzerwerbung vor! Das wirkt zwar beim ersten Hinhören wahnsinnig erschreckend, ist es aber nicht. São Paulo hat von seiner Lebendigkeit nichts verloren. Die Stadt strotzt immer noch vor Energie. Aber sie glitzert nicht.

STANDARD: Findet sich der Kapitalist in dieser Welt zurecht?

Hollein: Das Viertel, in dem ich gewohnt habe, ist übersät von Schönheitskliniken, von plastischen Chirurgen und von Laser-Depilations-Praxen. Aber nirgendwo in der Stadt gibt es Plakate, die den Konsumenten mitteilen, wie das Schönheitsideal aussieht, auf das da hinoperiert werden soll. Diese Abbildungen fehlen einem merklich – vor allem, wenn man aus Wien kommt, wo es bekanntlich die höchste Dichte an Plakatwänden gibt.

STANDARD: Der Ausverkauf der Werbung sozusagen?

Hollein: Die Brasilianer sind ja nicht unkreativ! Nachdem die Werbung nicht mehr auf den Gebäuden stattfindet, wandern die Werbebotschaften nun auf die Körper der Menschen. Burschen und Mädels gehen als Sandwich-Plakatträger auf dem Gehsteig spazieren. Oder sie stehen am Straßenrand und winken ohne Unterlass mit großformatigen Werbeflaggen, um Sie ins gewünschte Geschäft zu lotsen. Ein Einkaufssamstag in São Paulo hat neuerdings etwas zutiefst Archaisches.

(Wojciech Czaja, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.11.2007)

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Puppenfetisch made in Austria

Das Wiener Büro feld72 ist bekannt für große Über-raschungen. Statt einer klassischen Architekturausstellung präsentiert sich Österreich mit 77 Schaufensterpuppen, die im Saal herumtänzeln und die Besucher dazu animieren, ihnen mal gehörig auf die Brust zu sehen. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt, denn über die durchwegs bedruckten T-Shirts wird, jawohl, Architektur kommuniziert. "T-Shirts sind ein Fetischprodukt unserer Zeit und es gibt wohl kein anderes Bekleidungsstück, das derart viel Persönlichkeit, Markenbewusstsein und Botschaften transportiert", sagt Anne Catherine Fleith von feld72, "wir wollten dieses Textil bewusst als Trägermedium un-serer Ausstellung verwenden."

Die Puppen dienen einem guten inhaltlichen Zweck. Die künstlichen Menschen, Inbegriff des Modekonsums, zeigen auf, wie der öffentliche Raum kommerzialisiert und vermarktet wird. "Natürlich ist das Ausstellungskonzept subversiv", so Fleith, doch offenbar hätten die Leute die Idee verstanden. "Vielleicht findet sich ja der eine oder andere Ausstellungsbesucher in einer dieser Puppen wieder."

Essenzieller Bestandteil der Ausstellung "urbanism for sale" sind 20.000 magentafarbene Aufkleber, die während der Biennale verteilt werden. Die Besucher sind dazu aufgerufen, die Sticker in der ganzen Stadt zu posten und auf diese Weise öffentlichen Raum einzunehmen. Fleith. "Hier geht es nicht nur um Architektur, hier geht es auch um Performance." Und das mögen die Menschen. Schnappschüsse als Beweisstück der öffentlichen Reviersmarkierung bitte an www.flickr.com. (Wojciech Czaja, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.11.2007)