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Hermann Maier will seine letzte Saison vergessen machen. Es war seit 1997/98 die einzige, in der er ohne Sieg blieb, mit Ausnahme des Post-Unfall-Winters 2001/02.

Foto: AP/Gunn
Lake Louise/Wien – Österreich ist ein kleines Land. In Österreich gibt es seit kurzem eine DVD mit dem Titel „Zehn Jahre The Herminator und Raiffeisen“. Ein Sampler sozusagen mit allen Werbespots, die jene Bankengruppe, eine der bekanntesten, in Verbindung mit jenem Skifahrer, dem bekanntesten im Land, noch bekannter gemacht haben. Maier kommt in den gut ein Dutzend Filmchen mal sympathisch, dann wieder plump daher, wenn er beispielsweise völlig schmählos eine junge Frau anbaggert. Bemerkenswert ist, dass sich heuer der Kreis geschlossen hat. Wie Maiers erster Spot läuft auch der bis dato letzte unter „Vorsorge“, wie damals ist Maier „auf alt“ geschminkt, wie damals spielt ein Hund die Nebenrolle. Diesmal ist es ein Bernhardiner, den Maier apportieren lässt, Maier, der zufriedene Pensionist, der sein Geld gut angelegt hat. Der Skifahrer wirkt dabei glaubwürdig wie nie zuvor. Weil ihm nicht mehr allzu viel fehlt aufs Altenteil. Ob es Maier noch einmal schaffen, noch einmal siegen, ob er es noch einmal allen zeigen kann, das ist die Frage, die Österreich jeden Herbst bewegt. Und dieser Herbst, der sich am Wochenende in Lake Louise, Kanada, fortsetzt, ist insofern anders, als sich erstmals keine Mehrheit finden will für Antwort eins: „Sowieso, der Hermann ist der Beste, da fährt die Eisenbahn drüber.“ Auch ORF und Kronen Zeitung, Partner des Skiverbands (ÖSV), machen den Menschen nicht ewig ein X für ein U vor. Dass Maier schlagbar ist, haben die letzten Winter bewiesen, vor allem der Winter 06/07, in dem Maier nicht einen Sieg davontrug. Was Maier noch fehlt Die maiersche Schlagbarkeit mag ihren Ursprung in jenem Motorradunfall haben, der ihn im August 2001 beinah das rechte Bein gekostet hatte. Doch hat der Salzburger, der 1998 mit dem Abfahrtssturz und den folgenden Olympiasiegen (Super-G, RTL) in Nagano zu Weltruhm kam, auch hernach noch gewonnen. Zwölf der 53 Weltcupsiege feierte Maier nach seinem Unfall, dazu einen dritten WM-Titel. Ein dritter Olympiasieg allerdings fehlt noch, so erscheint es den Kundigen nicht unwahrscheinlich, dass Maier nicht bloß die WM 2009 (Val d’Isere), sondern auch die Spiele 2010 (Vancouver) noch in Angriff nimmt. Nicht von ungefähr kam, dass Maier im Sommer seine Skimarke wechselte, von Atomic auf Head umstieg. „Das Einzige, was in meiner Karriere noch gefehlt hat“, sagt Maier, „war ein Materialwechsel.“ Er brauchte einen neuen Reiz, vielleicht auch den Vergleich mit Markenkollegen wie Miller, dem Liechtensteiner Marco Büchel und dem Schweizer Didier Cuche. Nach dem Saisonauftakt, als er im Sölden-RTL nur auf Rang 20 gelandet war, weit hinter Miller, dem Fünften, sagte Maier: „Jetzt sehe ich, wie viel mir fehlt.“ Was Maier sich gönnt Maier dürfte meinen, was er sagt. Und er wird sich wohl auf die schnellen Disziplinen Abfahrt und Super-G konzentrieren. Auf seinen Körper hört er öfter als früher, er gönnt ihm mehr und längere Pausen. Manchmal redet Maier, ganz abgesehen von Unfallfolgen, von „Verschleißerscheinungen“. Kürzlich sagte er in einem Interview mit dem Sportmagazin, er habe „schon als Kind meinen Körper nur als Werkzeug gesehen. Viel Training war gut, mehr Training war besser.“ Österreichs Alpinen kommt nicht zuletzt die Aufgabe zu, ihren Verband aus jenem Loch zu holen, das ihm Langläufer und Biathleten mit olympischen Dopingskandalen ausgehoben haben. „A too small country“, hatte Peter Schröcksnadel, der ÖSV-Präsident, 2006 vor der Weltpresse gesagt, sei Österreich, „a too small country to make good doping.“ Das IOC hat sechs ÖSV-Athleten lebenslang für Olympia, die FIS hat drei ÖSV-Langläufer zwei Jahre für den Weltcup gesperrt. Hermann Maier soll ausbügeln – und zwar mehr als seine letzte Saison. Das hat nicht nur mit dem Hang des Publikums zur Nostalgie zu tun. Benjamin Raich, Mario Matt, Michael Walchhofer, sie alle sind als Skifahrer glänzend, als Figuren eher farblos. Auch deshalb mag aus Österreichs Sportlerwahl 2007 kein Skifahrer, sondern Eishockeystar Thomas Vanek als Sieger hervorgegangen sein. Nicht zuletzt könnte Hermann Maier es in der Hand und in den Oberschenkeln haben, dass heimische Sportfans im Winter noch nicht allzu viel über den Sommer sprechen, über die Fußball-EM, die ihnen ins Haus steht. Und vielleicht wird dann im Juni, wenn es dem kleinen Land vielleicht ums Trösten geht, ab und zu auch der Name Hermann Maier fallen. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 24.11. 2007)