Foto: Matthias Cremer
Die bewährte Zusammenarbeit zweier kongenialer Partner Klaus Merz (Text) und Hannes Binder (Bilder, "Illustrationen" traut man sich gar nicht zu sagen) macht daraus wieder einmal ein bibliophiles Kleinod. Binders holzschnittartige Schwarz-Weiß-Welt wendet die Geografie ins Surreale. Altbekannte Venedig-Ansichten werden unheimlich, wenn das Meer wie in einem Malstrom-Sog durch die Kanäle rauscht und die Gebirge des Nordens bedrohlich naherücken, Steine und Berge entwickeln ein Eigenleben, haben Gesichter und begeben sich auf Wanderschaft. Die Malergesellen arrangieren sich im Atelier zu kompakten Tableaus und dienen als Vorlage für die monumentalen Gemälde des von den immergleichen Sujets furchtbar angeödeten Tintoretto. Nixen räkeln sich lasziv in den schwappenden Wassern der Lagune, und der Sennenbub wandelt melancholisch über die Brücken seiner Wahlheimat, hat er doch am Arm die zwangsweise angetraute ältliche Schwester des Meisters und nicht den drallen Jugendschwarm von der Schweizer Alm. Aus dieser verzauberten Welt holt uns dann das Gerede des Fremdenführers abrupt in die banale Gegenwart, indem er einer Truppe von zeitgenössisch ausstaffierten Touristen ein paar schnelle Informationen zu Tintoretto und seinen Gehilfen vorsetzt. Dem Zürcher Hannes Binder gelingt eine ganz unverwechselbare Synthese von altmeisterlicher Anmutung und abgründigen Visionen. Ein wunderbares Geschenk für Büchernarren – ach was, das behält man doch lieber selbst. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.11.2007)