Eugene Hütz und Gogol Bordello erfüllen in der Wiener "Arena" sämtliche Klischees in Sachen "wilder Osten".

Foto: Robert Newald
Auch dank der Hauptrolle im kommenden Film von Madonna. Ein Gespräch über den wilden Osten und Touristenklischees.
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Wien - Reisende soll man nicht aufhalten. Und man soll das fahrende Volk nicht fragen, wann es sich zur Ruhe setzt. Auf den Begriff Heimat reagiert Eugene Hütz im Interview dann auch relativ allergisch: "Was soll das sein?! Bloß weil ich in der Ukraine geboren worden bin, bedeutet das nicht, dass ich dorthin zurückwill! Und wenn, dann sind das Arbeitsurlaube. Ich suche dort nach alten, geheimen Zigeunerliedern, in denen wir uns über euch Gadschos lustig machen. Das ist ziemlich derber Stoff."

Der Weg als Ziel. Diese Plattheiten. Immerhin kommt der 35-jährige, singende, filmschauspielernde (Alles ist erleuchtet) und mit souveräner Grandezza das zügellose Hallodri-Leben des Rockmusikers alter Schule genießende Mann aus einer seit Jahrhunderten rastlosen Familie. Vor seinem ausverkauften Konzert in der Wiener Arena lud er jetzt backstage zum Interview: "This room here is the fuck room! Auf diesem Tisch hier habe ich voriges Jahr nach unserer Show mit einem Mädchen aus dem Publikum Liebe gemacht! Erinnerungen ..." Neben ihren musikalischen Talenten (Eugenes Vater war einer der ersten und bekanntesten Rockmusiker in der Ukraine) war seine Roma-Sippe übrigens auch für ihr Geschick im Pferdehandel berüchtigt. Musiker und Rosstäuscher, beide Berufsgruppen reisen nach Vertragserfüllung bekanntlich gern schnell. Letztere möglicherweise noch schneller. Eugene Hütz: "Weiter, weiter! Es gibt so viel zu sehen auf der Welt! Nur die Hotelzimmer sind alle gleich." Für einen wie ihn kann es demnach nur ein geografisch logisches Ziel auf der Welt geben, in dem das Reisen zwischendurch überflüssig werden darf, weil man mit der ganzen Welt Tür an Tür wohnt: New York!

Dorthin zog es Eugene Hütz nach seiner Flucht vor den Auswirkungen der Katastrophe in Tschernobyl 1986 schon als 14-Jährigen. Man ahnt es: Rock 'n' Roll! Über Polen, Ungarn, sechs Monate in einem österreichischen Lager und schließlich Italien betrat Hütz als von den USA anerkannter politischer Flüchtling 1993 die Stadt seiner Träume.

Dort entwarf er mit souveräner Grandezza das zügellose Konzept des Gypsy Punk und beansprucht mit seiner Band Gogol Bordello seit 2002 auf Alben wie Multi Kontra Culti Vs. Irony, Gypsy Punks Underdog World Strike und zuletzt Super Taranta! eine mindestens selbstbewusste Urheberschaft auf das weltweite Phänomen des Balkanpop.

Eugene Hütz: "Was für ein dummer Begriff. Aber wie immer du das nennen willst, ich habe es erfunden! Die Entdeckung des ,wilden Ostens' kam unserem Erfolg natürlich sehr entgegen, eure westliche Sehnsucht nach dem angeblich Wahrhaftigen und Ursprünglichen. Aber das sind und bleiben Touristenkli-schees, die dann Figuren wie DJ Shantel oder Emir Kusturica mit seinen idiotischen Filmen und auch seiner No Smoking Band vollinhaltlich erfüllen. Abzockermusik. Musik für Banker in ihrer Freizeit. Widerlicher Faaacking Yuppie Shiiit!"

Eugene Hütz zieht bei gern gebrauchten Kraftausdrücken die Vokale übrigens derart hübsch in die Länge, dass man ihn am liebsten abbusseln möchte. Wobei der bedrohliche und doch auch etwas in die Gulaschkanone des Klischees lappende, durchaus zum Monströsen neigende Schnauzbart ... Angst.

Wie man später auch bei einer an die wilde Trunkenheit der Pogues und Shane MacGowan erinnernden Turbofolk- und Sprint-Punk- und Balla-Balla-Show am Rande der Notaufnahme vor einem nicht weniger entfesselten Publikum beobachten konnte, predigt Hütz dann allerdings bezüglich Ostklischees, nun ja, frisches klares Donauwasser - und trinkt Rotwein mit gesegnetem Appetit. So gestärkt, gibt er dann mit knapp zwei Handvoll BegleitmusikerInnen ("Sieben, acht Musiker, fünf Nationen. Erzähl mir nichts über Heimat!") den tobenden, manisch mit den Augen Richtung vorgezogener Nachdurst rollenden Manu Chao aus der Pülcher-Kolchose.

Die Superstringtheorie

Hütz: "Manu Chao, Joe Strummer, Bob Marley, Nick Cave, Joy Division. Das ist eine Liste, in die auch ich einmal mit meinem Gypsy Punk aufgenommen werden möchte. Ich bin ein Entertainer, der Inhalte transportiert! Stell mich mit meiner Gitarre in irgendeinen Club, ich kann die Leute stundenlang mit hunderten Liedern unterhalten."

Dabei kommen brillante Spottsongs heraus wie zuletzt die supergute Polka Supertheory Of Supereverything. In der verhandelt Eugene nicht nur Probleme der Superstringtheorie, sondern unternimmt neben einem dringenden Aufruf, die Protonen und Neuronen Party machen zu lassen, auch einen kritischen Blick auf die Bibel: "First time I had read the Bible / it had stroke me as unwitty. I think it may started rumor / that the Lord ain't got no humor."

Eugene Hütz: "In der Sowjetunion war der christliche Glaube eine Form des politischen Widerstands. Und weil die Bibel immer in Hotelzimmern herumliegt und die Leute in meiner Band auch gern unglaublich blöde Okkultbücher lesen, habe ich mir das einmal angeschaut. Also für mich ist das nichts!"

Die weltliche Madonna, mit der Eugene im Sommer bei Live Earth aufgetreten ist, hilft zur Not auch. Nächstes Jahr kommt ihr Regiedebüt Filth And Wisdom mit Hütz als Hauptdarsteller in die Kinos.

Hütz: "Keine große Sache, we're just good friends." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.11.2007)