Im September bei Redstone Press erschienen: David Shrigleys neustes Buch.

Coverfoto: Redstone Press

"Worried Noodles" (Tomlab/Soulseduction 2007)

Coverfoto: Tomlab
David Shrigley ist ein Kauz, ein Künstler, ein Tausendsassa: Die krakeligen Zeichnungen des 39-jährigen Glasgowers hängen in internationalen Galerien und sind zugleich beliebte Grußkartenmotive. Er hat Bücher herausgebracht, Musik-Videos gedreht (unter anderem das Eichhörnchen-Massaker für Blur; --> "Good Song" ) und arbeitet als Zeitungscartoonist.

"Maybe something's wrong with me"

Wird er deshalb mit Zeichnern wie Gary Larson in einen Topf geworfen, stört ihn das nicht einmal besonders (der unterschiedlichen Produktionszusammenhänge, in denen er arbeitet, ist er sich sehr bewusst) - die Unterschiede springen aber wie eine Tarantel ins Auge: Das fängt schon beim kindlich wirkenden, minimalistischen Zeichenstil an, der - man kann's ihm nicht nachweisen, die Vermutung liegt aber nahe - für limitiertes zeichnerisches Talent spricht. Aus der Not hat Shrigley aber längst eine Tugend - soll heißen: einen Stil - gemacht, und der verkauft sich wie gesagt höllisch gut.

Krude sind aber nicht nur die Zeichnungen, sondern auch die Geschicht(ch)en, die sich in Verbindung mit den Text-Vignetten ergeben. Skurril, bizarr, absurd, witzig trotz oder vielleicht gerade wegen des oftmaligen Ausbleibens einer wirklichen Pointe - genauso aber auch ehrlich naiv oder verstörend und düster. Ein ständiges Herumtanzen auf Grenzlinien also, das sich nicht eindeutig festlegen lässt, wahrscheinlich nicht einmal von ihm selbst. Wie schon die befremdete Kuh auf einem seiner Cartoons zur Melkerin sagt: What the hell are you doing?

"Welcome singer, sing thy song ..."

2005 erschien Shrigleys Büchlein "Worried Noodles" mit Songtexten ohne Songs - die liefert nun das deutsche Label Tomlab mit einem gleichnamigen Doppelalbum nach. 39 Bands und Solo-KünstlerInnen vertonten die Nudel-Miniaturen auf 108 Minuten Gesamtlänge: Ein Riesenpaket voller kleiner Großartigkeiten, beteiligt sind unter anderem die Liars, Franz Ferdinand, David Byrne, Hot Chip, Final Fantasy, Scout Niblett, Aidan Moffat, Deerhoof und Casiotone For The Painfully Alone. Tomlab Allstars und jede Menge Gäste aus anderen Häusern also.

Dass die New Yorker Psychedelia-Band Grizzly Bear "Blackcurrant Jam" zur viereinhalbminütigen Mini-Oper mit Bombast-Refrain, Vibrafon und Beach Boys-Chören aufbläst (und das alles darüber, welche Marmelade am besten schmeckt), bleibt die große Ausnahme. Die meisten Beteiligten setzen auf kurze Songs und der Vorlage angemessenen Sound-Minimalismus: Der kann dann bluesig ausfallen wie bei Scout Niblett und Christopher Francis oder elektronisch wie bei Max Tundra und Munch Munch. Dazwischen ist jedes Übergangsstadium möglich - einmal mehr ausnehmend schön der Beitrag des Londoner Duos Psapp ("Sad Song"), die heuer schon auf dem "Hallam Foe"-Soundtrack vertreten waren. Den Namen kann man sich echt für die Zukunft vormerken!

"There is joy to be had if you're crazy mental mad"

Ein paar Mal haben sich verschiedene Bands in denselben Song verliebt und sind dabei zu höchst unterschiedlichen Resultaten gekommen: Franz Ferdinand interpretieren "No" - wenig überraschend - als angefressenen Rocksong, Hot Chip wandeln sich ihm zu Ehren zur Trauerkapelle samt Orgel um. Und die entscheidenden Fragen des Lebens, die im "Sentimental Song" gestellt werden (When was the last time you told a lie? And why is there a picture of a penis on your fridge door? - da fühlt man sich immer so befangen, wenn man auf Besuch kommt ...) bewegten Cotton Candy zu Wave-Rock und die großartige Washingtoner Band Mount Eerie zur Elegie.

Das vielleicht Erstaunlichste an "Worried Noodles" ist, dass ein ruhiger Folk-Song wie James Chadwicks "The Wooden Floor" zu einem Gabba-Techno-Track wie der Liars' "Panic Button" nicht in Widerspruch steht, sondern dass sie gemeinsam ein Kontinuum bilden. Ein geradezu logisch wirkendes. - Hauptveranwortlich dafür dürfte sein, dass alle vertretenen MusikerInnen einen ausgeprägten Hang zu Do-it-yourself haben; vielleicht mit Ausnahme von Einst-Talking Head David Byrne, der wohl eher reingeschlittert ist, weil er wieder mal Kunst gewittert hat, sich mit seinem reduziert gehaltenen "For you" aber bestens einfügt.

"You don't have to be scared of me 'cos I am an OK guy"

Fast in der Natur der Sache liegt, dass die besten Interpretationen da zustande kommen, wo Shrigley auf Geistesverwandte aus dem Bereich der Musik trifft: Etwa auf den 55-jährigen Lo-Fi- und DIY-Gott R. Stevie Moore, der all das schon längst gemacht hat, bevor es zur popmusikalischen Schubladenbezeichnung wurde. Sein "Live in Fear" lebt vom Suspense, der mit minimalsten Mitteln - Keyboard-Stakkato und Sprechstimme - erzielt wird: You don't have to lock your door at night, 'cos i won't come in to your house, so guttural und vertrauenswürdig wie der Jabberwocky aus "Alice im Wunderland" klingend.

Und vollends schwarz schließlich die Moritat "The Pretty Girl" von Owen Ashworth alias Casiotone for the Painfully Alone. Zu Orgelschummern entwirft der Protagonist in nur einer Minute seine gesammelten Zukunftspläne: Wie er die Eltern seiner Angebeteten erschlagen, sie entführen und mit ihr zusammenleben wird, bis ihr Tod sie scheidet, und sich dann nur mühsam beherrschen können wird, sie vor lauter Trauer nicht wieder aus dem Grab zu buddeln, um ihren Leichnam zu ficken. Da lachen dann nur mehr ein paar Hartgesottene. (Josefson)