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Fans, ob sie nun Kritik üben oder nur lustig sind, greifen wohl weiter zur Spritze. Der Sportler kommt dem Körper, auf dass der selbst tätig werde, bald vielleicht anders bei.

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Wien - Aufmerksamen Zusehern fällt es schon länger auf: Rekorde sind selten geworden im Sport. Es sieht fast so aus, als ob der Mensch an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit stößt. Doch Sport ohne Bestmarken ist für die, die ihn wirklich ernst nehmen, nur der halbe Spaß - das gilt für Publikum und Athleten gleichermaßen. Im Kampf gegen die drohende Leistungsstagnation ist für den Sportler der letzte Ausweg manchmal ein unerlaubter, um nicht zu sagen, ein illegaler.

"Klassisches Doping hat sich bewährt", erklärte Günter Gmeiner, der das bei der Wada (World Anti Doping Agentur) akkreditierte Dopingkontrolllabor in Seibersdorf leitet, auf dem internationalen Symposium "Genes and Physical Performance" am Wochenende in Wien. Dort war jedoch bereits eine ganz andere Art des Dopings Thema: Leistungssteigerung durch Manipulation am menschlichen Genom.

Doping im klassischen Sinn ist meistens mit dem Schlucken oder Spritzen illegaler Substanzen verbunden. "Das kann theoretisch jeder für sich allein in seinem stillen Kämmerlein machen", sagt der Experte Gmeiner. Ganz so einfach ist es beim Gendoping nicht. Ursprünglich wurde dieses komplizierte gentherapeutische Verfahren zur Behandlung von unheilbaren Erbkrankheiten entwickelt. Das Prinzip, das dahinter steckt: In defekte Chromosomen wird intaktes Genmaterial eingeschleust. Diese sogenannte transgene DNA produziert daraufhin die "richtigen Proteine", der Zustand der Patienten bessert sich.

Gendoping basiert auf demselben Prinzip. Gene, die in den Körper eingeschleust werden, regen dort die Bildung körpereigener, leistungssteigernder Substanzen an.

Der erste Hinweis, dem zufolge Gentherapie missbräuchlich im Spitzensport verwendet wurde, ging letztes Jahr durch die Medien: In der E-Mail eines deutschen Leichtathletiktrainers hatte eine Substanz namens Repoxygen Erwähnung gefunden, die E-Mail kam den Behörden zu Gesicht und alarmierte sie. Denn Repoxygen wurde ursprünglich von der britischen Gentechnologiefirma Oxford Biomedica zur Behandlung von Blutarmut entwickelt. Der Wirkstoff enthält die genetische Bauanleitung für Erythropoetin (EPO), jenes Hormon, das die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark anregt.

Affen und Mäuse haben unter dem Einfluss des neuen Erbmaterials bereits rote Blutkörperchen im Übermaß produziert. Allerdings: Die Substanz wurde von dem britischen Pharmaunternehmen nicht mehr weiterentwickelt, sie lagert seither sozusagen auf Abruf in den Kühlschränken. Und der Leichtathletiktrainer musste sich wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vor Gericht verantworten.

Nachbau möglich?

Erythropoetin ist speziell Ausdauersportlern alles andere denn ein Fremdwort. Dass mehr rote Blutkörperchen auch mehr Sauerstoff transportieren und sich damit Ausdauer und Leistung erhöhen, ist bekannt. Seit 1989 ist EPO bereits in synthetischer Form erhältlich, in der Dopingszene hat es sich hinreichend etabliert. Theoretisch wäre es denkbar, dass Repoxygen in anderen gentechnologischen Labors bereits nachgebaut wird. Ob das auch tatsächlich passiert, wagt Gmeiner nicht zu vermuten. "Im Gegensatz zu klassischen Dopingmethoden wird hier schon vor Benutzung einer Technologie sehr intensiv an konkreten Nachweisen geforscht", sagt der Experte in der Hoffnung, dass allein schon die Nachweisforschung die drohende Gefahr etwas relativiert.

Doppelter Nachteil

Valide Methoden zum Nachweis von Gendoping gibt es nämlich nicht. Verglichen mit klassischen Dopingsubstanzen ist für den Experten die Langzeitwirkung von Gendoping aber nur von Vorteil: "Wir gewinnen Zeit für den Nachweis, da keiner weiß, wie lange das gentechnisch veränderte Material im Organismus verbleibt." Ein Vorteil also für Dopingfahnder - und gleichzeitig ein doppelter Nachteil für gendopende Sportler. Denn solange der Prozess nicht aufzuhalten ist, sind die Folgen für den Sportler nicht kalkulierbar.

Im Fall von Erythropoetin kann das zunehmend dicker werdende Blut über Thrombosen und Herzinfarkte zum tödlichen Verhängnis werden. Auch die Gefahr, dass mit Gendoping Autoimmunreaktionen hergerufen werden, ist laut Gmeiner durchaus real. Ähnlich wie bei einer Organtransplantation erkennt der Körper das neue Genmaterial als fremd und - eine durchaus logische und in vielen anderen Situationen auch erwünschte Reaktion - versucht, es wieder loszuwerden.

Dass all diese Unklarheiten und Risiken des Gendopings für Sportler tatsächlich abschreckend wirken, wird man sehen. Schon beim konventionellen Doping haben viele Sportler alle Warnungen über mögliche gesundheitsschädigende Wirkungen jedenfalls in den Wind geschlagen, und sie schlagen weiter. Weil sie den nächsten Sieg, den nächsten Rekord, das nächste Preisgeld und den Ruhm über ihre Gesundheit stellen. (Regina Philipp, DER STANDARD Printausgabe 26.11.2007)