Hinweise auf Misshandlung oder Missbrauch von Kindern landen in vielen Fällen zunächst bei der Jugendwohlfahrt und nicht bei der Polizei. Der Fall des toten Kleinkindes Luca, das am 3. November vermutlich nach Misshandlungen im Spital gestorben war, sorgt nun für eine Diskussion der Anzeigepflicht. Experten von Ärzten bis hin zu Sozialarbeitern stehen einer generellen Verpflichtung alle Verdachtsfälle sofort bei der Exekutive zu melden, skeptisch gegenüber.

Eine Umsetzung dieser Maßnahme "würde mehr tote Kinder fordern", zeigte sich Georg Dimitz, Vorstandsmitglied des OBDS (Österreichischer Berufsverband Diplomierter Sozialarbeiter) im APA-Gespräch überzeugt. Wenn jede ungeklärte Verletzung im Spital angezeigt werde, würden misshandelte Opfer nicht mehr ins Krankenhaus gebracht und so von Hilfsstellen abgeschnitten.

Pinterits: "Anzeige bringt alleine nichts weiter"

"Dass etwas getan werden muss, ist keine Frage", so die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. Eine Anzeige sei allerdings nicht gleichzusetzen mit Kinderschutz und bringe alleine nichts weiter. Oft sorge auch eine Meldung bei der Polizei nicht für eine Verurteilung des Täters. Die Gründe dafür seien meist Beweismangel und - gerade bei jungen Kindern - die Unfähigkeit zu gerichtlichen Aussagen.

Man brauche die Mithilfe der Betroffenen, ihre Bereitschaft zur Anzeige und Aussage, so Pinterits. Oft sei es daher besser zunächst Informationen zu sammeln und Hilfe anzubieten. Ziel der Kontakte zu Opfern sei die Bestärkung Anzeigen zuzustimmen. In den wenigsten Fällen gebe es eindeutige Anzeichen für Misshandlung oder Missbrauch.

Die Frage der Anzeigepflicht sei generell ein "schwieriges Thema", über das man allerdings sprechen sollte, um sich neue Lösungen zu überlegen und über Gesetzeslücken nachzudenken, so Pinterits zur APA. "Da muss man wirklich gut darüber diskutieren."

"Pflicht wäre Katastrophe"

Der OBDS sprach sich klar für die Beibehaltung der bisherigen Vorgehensweise aus, gemäß der Verdachtslagen zunächst der Jugendwohlfahrt gemeldet werden, die dann über eine Anzeige entscheiden kann. Eine Pflicht Anzeichen sofort der Polizei zu berichten "wäre eine Katastrophe, weil die Sozialarbeit ihre Hilfsanspruch verlieren würde", meinte Dimitz.

Auch bei der Ärztekammer findet eine allgemeine Anzeigepflicht keine Befürwortung. Polizeieinschreitungen bei dem geringstem Verdacht würde eine enorme Verunsicherung auslösen, sagte Rudolf Schmitzberger von der Fachgruppe für Kinder- und Jugendheilkunde zur APA. Vor allem im Bereich des sexuellen Missbrauchs sei die Lage heikel. Erstbefragungen durch die Exekutive anstatt durch geschulte Psychologen würden die Wahrheitsfindungen um vielfaches erschweren. Wichtig sei vielmehr eine gute Vernetzung der helfenden Stellen.

Wenn man etwas gesetzlich ändern wolle, sollte man die Verpflichtung zu Vorsorgeuntersuchungen einführen, betonte der Mediziner. Derzeit gehen viele Kleinkindern nur im ersten Lebensjahr regelmäßig zum Arzt, wenn es gemäß der Mutter-Kind-Pass-Regelung dafür Geld gebe. Bei den Fünfjährigen liege die Untersuchungsquote vergleichsweise nur bei ca. 30 Prozent. Viele sehen über Jahre hinweg also keinen Arzt, der mögliche Anzeichen entdecken könnte. (APA)