Fachmännisches Urteil über den Populismus im eigenen Land: Minister und Schau- spieler Danailow im Haus Wittgenstein, dem bulgarischen Kulturinstitut in Wien.

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Bulgarische Ikone aus der laufenden Ausstellung im Wiener Dom-Museum.

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Der politische Stil in Bulgarien ändert sich. Den Einzug der Populisten und zwielichtiger Geschäftsleute - der "Mutri" -, beschreibt Stefan Danailow, Bulgariens Kulturminister und ein populärer Schauspieler, im Gespräch mit Markus Bernath.

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STANDARD: Als Darsteller in vielen italienischen Mafiafilmen kennen Sie sich aus mit gut und böse. Kann man in der bulgarischen Politik auch so einfach unterscheiden zwischen gut und schlecht, kompetenten Politikern und unfähigen?

Danailow: Dazu habe ich einiges zu bemerken. Gute Politiker gibt es, aber was ich schwierig finde - und ich denke, dass ich ein guter Schauspieler bin -, ist, etwas weiß zu nennen, was schwarz ist. Oder wenn mich jemand kritisiert, zu sagen, es sei laut (die bulgarische Wendung lautet auf Deutsch: Jemand spuckt mich an, und ich sage, es regnet; Anm.).

Seit der Wende in Bulgarien habe ich viele Politiker kommen und gehen sehen, auch großartige Politiker. Aber es reicht offensichtlich nicht, nur ein guter Politiker zu sein. Ich werde wohl nicht mehr die Zeit erleben, wo wir in Bulgarien Politik im vollen Sinne des Wortes haben werden. Es ist sehr einfach das Klischee von der Politik als einem schmutzigen Geschäft zu verwenden. Ja, sie ist sehr komplex. Die Frage ist: Wie findet man als Politiker die Grenzen seines Verhaltens?

STANDARD: Es gibt in Bulgarien einen Begriff für eine besondere Spezies von Menschen. Man spricht von den "Mutri", von hässlichen oder dummen Gesichtern, von dick gewordenen Leuten ohne Hals, die oft aus einem undurchsichtigen oder gar kriminellen Milieu kommen. Bald 20 Jahre nach der Wende hat der "Mutri"-Typ auch in der Politik Fuß gefasst. Wie erklären Sie sich das?

Danailow: Die Zahl der Mutri ist im Allgemeinen kleiner geworden. Sie haben sich zivilisiert. Bemerkenswerter ist, dass Vertreter des "Business" in verschiedenen Gebieten des Landes versuchen, in die Politik zu kommen. Sie wollen nicht nur ihren eigenen Bürgermeister haben, sondern in die Stadt- und Gemeinderäte gehen und dort wichtige Entscheidungen treffen. Das betrifft vor allem Regionen in Bulgarien, die für diese Geschäftsleute interessant sind, etwa die Schwarzmeerküste.

STANDARD: Boiko Borissow, der wiedergewählte Bürgermeister von Sofia, pflegt auch einen etwas hemdsärmligen Stil. Er hat Erfolg damit.

Danailow: Ja, das stimmt. Ich will mich nicht darüber auslassen, wo er seine Karriere begonnen hat. Als Beamter bei der Feuerwehrabteilung der Polizei, glaube ich, er hatte einen privaten Wachdienst und war zuständig für die Sicherheit von Simon Sakskoburggotski. Dann war er vier Jahre Staatssekretär im Innenministerium, deshalb trägt er auch den Grad eines General. Dort ist Borissow populär geworden. Er ist wirklich begabt darin, alles öffentlich zu machen, was diese Tasse von links nach rechts bewegt (deutet auf die Kaffeetasse vor ihm, Anm.), und den Journalisten das anschließend als großes Ereignis zu verkaufen.

Es war interessant, dass Boiko Borissow immer als Erster dort auftauchte, wo etwas im Land geschah, ein Mord, irgendetwas Großes, Action. Die Leute haben das bemerkt, es hat ihnen gefallen. Jemand ist umgebracht worden, und fünf Minuten später ist der General da und nimmt die Untersuchungen auf. Er wurde populär durch diesen Macho-Stil.

Es ist kein Zufall, dass Gerb (Bürger für eine europäische Entwicklung in Bulgarien, Anm.), die Partei, die er vor eineinhalb Jahren gegründet hat, eine populistische Partei ist. Er redet von Dingen, die die Leute am liebsten hören möchten: zum Beispiel dass die Korruption abgeschafft wird. Er ist auch in Affären vorgegangen, die rechtlich noch nicht entschieden sind, etwa bei der Fernwärme in Sofia. Leider gibt es Korruption auf allen Ebenen. Borissow redet schon darüber, was er machen wird, wenn er an der Regierung ist - die Gehälter erhöhen, die Pensionäre retten. Er weiß sehr genau, was Populismus ist. Obwohl er seine Partei als rechts von der Mitte stehend definiert und die nationale Politik ansteuert, hat Boiko Borissow kein wirtschaftspolitisches Programm vorgestellt. Was er bisher präsentierte, bringt Finanzexperten zum Lächeln.

STANDARD: Sie sind ja nun selbst Schauspieler. Sehen Sie in Boiko Borissow oder Wolen Siderow, dem Chef der rechtsextremen Attaka, mehr oder minder begabte Kollegen?

Danailow: Sie unterscheiden sich sehr voneinander. Ich kenne beide sehr gut, noch aus der Zeit, bevor sie in die Politik einstiegen. Siderow ist intellektueller, obwohl er mich durch sein radikales Auftreten, diesen Hardliner-Stil, zu Beginn überraschte.

Im Lauf des vergangenen Jahres hat er seinen Ton geändert, er ist weniger aggressiv geworden. Boiko Borissow dagegen spricht wie die Leute auf der Straße. Er denkt lange nach, bevor er etwas Triviales sagt. Das ist manchmal gut, denn er spricht einfach. Politiker haben leider oft eine Sprache, die schwierig ist für die breite Zuhörerschaft. Ich war vier Jahre in der Opposition. Es ist viel komfortabler als in der Regierung zu sein. Ich sage das, weil Borissow nun Bürgermeister und Stadträte in vielen Gemeinden in Bulgarien hat, Sofia eingeschlossen. In den nächsten zwei Jahren werden die Leute sehen, was seine Fähigkeiten sind und wie er seine Macht zum Guten für die Bürger verwendet. (Markus Bernath, DER STANDARD, Printausgabe 27.11.2007)