Textilsaunaeröffnung in Obergurgl: Goldberger übertrieb ein wenig.

Foto: Alpina
Obergurgl - Manchmal täuscht der erste Blick. Und hinter dem, was wie die PR-Aktion eines Hoteliers daherkommt, steckt mehr. Etwa - auch wenn das Jakob Platzer so nie sagen würde - eine Maßnahme, interkulturelle Konflikte dort zu vermeiden, wo unterschiedliche Kulturen ohne jeden Puffer aufeinandertreffen. In der Sauna zum Beispiel. Darum ließ Platzer, Chef des Viersternehotels Alpina in Obergurgl (Ötztal), am Wochenende Andreas Goldberger schwitzen. Und zwar bekleidet: "Andi Goldberger eröffnet die erste Textilsaunalandschaft", hieß es dazu im Pressetext. Echt witzig. Oder?

Oder. Denn was für die Societyspalten ein possierliches G'schichterl - und für den Hotelier somit unbezahlbare Werbung - ist, hat einen ernsten Hintergrund. Seit "Wellness" zum Standardrepertoire in jedem besseren Hotel gehört und Gastkontingente immer internationaler werden, wird die Frage, ob man nackt oder bekleidet schwitzt, immer öfter zum echten Zankapfel: Die Badehose trennt den Russen (bekleidet) vom Deutschen (nackt) und hält Briten (bekleidet) vom Österreicher (nackt) fern: "Jeder glaubt, der andere sauniert falsch, fühlt sich bedrängt, begafft, provoziert oder eingeengt - und dann läutet im Zehnminutentakt das Telefon an der Rezeption: Das Hotelmanagment soll eingreifen", seufzt Platzer. Und betont, dass es eben kein international verbindliches Saunareglement gibt.

Wellnesslandschaft

Doch weil es auch keinen Kompromiss gibt, hat Platzer nun eine 200 Quadratmeter große Wellnesslandschaft errichten lassen, die angezogene Gäste anziehen soll: "Links gehen die Nackten rein, rechts die Angezogenen."

Platzer ist damit nach eigenen Angaben ("ich habe 300 Hotelhomepages durchforstet") der erste Hotelier mit dualem Wellnessangebot Österreichs. "Es gibt Hotels, die sogenannte ,Familiensaunen' anbieten, aber das sind bloß einzelne Kabinen - in allen anderen Bereichen stößt man dann wieder aufeinander."

Belächelt, weiß der Alpina-Chef, werde seine Maßnahme nur von Menschen, die vom Tourismus nicht viel Ahnung haben: Obergurgl hat mit 24 Viersternebetrieben die höchste Dichte an Spitzenhotels in Tirol. 30 Prozent der Gäste des Ötztales sind Briten. Und die weiter talwärts gelegene "Tiroltherme Längenfeld" ist rund um die orthodoxen Feiertage beliebtes Ziel wohlhabender Russen.

Offenes Geheimnis

Und auch wenn es niemand offen sagt, ist es ein offenes Geheimnis, dass der Konflikt, dem Platzer "keinerlei Nationalitäten" zuordnen können will, oft ein deutsch-russischer Wickel ist: "Die Deutschen waren jahrelang die Platzhirschen in Tirol - und jetzt kommen da immer mehr Leute, die mehr Geld haben als sie", heißt es.

Beim Aufguss klettern dann eben nicht nur die Temperaturen in den roten Bereich: Ein Raumwechsel ist da die erste Maßnahme zur Abkühlung. Nicht nur im Hotel Alpina, betont Platzer: "Schon bei der Bauverhandlung haben Mitbewerber aus dem Ort ihre Architekten angerufen und gesagt: Wir müssen eh unseren Wellnessbereich vergrößern - schmeiß die Päne um, wir brauchen das auch." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD – Printausgabe, 27.11.2007