Wien – Der Service auf der Homepage mutet seltsam an. „Das Projektteam stellt (...) den persönlichen Kontakt zu dem von Ihnen ,reservierten‘ Überlebenden her, fragt nach, ob er/sie psychisch und physisch in der Lage ist, im Mai 2008 nach Österreich zu kommen – und vermittelt Ihnen, wenn notwendig, einen alternativen Kontakt.“

Willkommen auf der Website von „A Letter to the Stars“, wo die Initiatoren ihr neuestes zeitgeschichtliches Schülerprojekt bewerben. Die Betreiber werden von oben wohl bedacht. Am Mittwoch beschloss der Wiener Gemeinderat mit Stimmen von SPÖ und ÖVP, 250.000 Euro für die nächste Aktion springen zu lassen. Insgesamt rechnet der Verein mit 1, 4 Millionen Subventionen, die unter anderen das Kanzleramt (125.000 Euro) sowie die Parlamentsklubs (250.000 Euro) zuschießen sollen. Für den Schlusspunkt des NS-Aufarbeitungs-Events, zu dem über 240 Holocaust-Opfer erwartet werden, deren Lebensläufe die Schüler bis dahin recherchiert haben, ist Alfred Gusenbauer angesagt.

Doch namhafte Historiker erheben schwere Vorwürfe gegen das Projekt. Der Zeitgeschichtler Bertrand Perz sagt: „Das klingt wie ein Feldversuch. Die Aktion ist unakzeptabel und nicht unterstützenswert.“ Er stößt sich daran, dass betagte Überlebende ohne Betreuung in ihre alte Heimat gelotst werden. Und, wie das Ganze beworben werde, hat für Perz „ein Stück den Charakter von Shoah-Business“.

Denn auf der Website kann man sich an gleich mehreren Stellen seine(n) „Überlebende(n) ,reservieren‘“. Bisher _wickelte der Jewish Welcome Service mit dem psychosozialen Zentrum Esra die Wien-Besuche für Shoah-Opfer ab, da es immer wieder zu heiklen Szenen kam, wenn die oft heute noch traumatisierten Menschen wieder vor den Stätten ihrer Kindheit stehen, von denen sie vertrieben wurden.

Auch Eva Blimlinger, einst Forschungskoordinatorin der Historikerkommission, spart nicht mit Kritik: „Abgesehen von der zweifelhaften datenschutzrechtlichen Praktik des Projekts, ist das Ganze wohl eher eine PR-Aktion für die Organisatoren als tatsächliches Interesse an den Überlebenden.“ Sie pocht darauf, dass „geschultes Personal“ die Menschen begleiten müsse.

Ähnlich argumentiert die Leiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), Brigitte Bailer-Galanda. „Es ist bedenklich, dabei nicht die spezifische, emotionale Situation der Menschen zu berücksichtigen.“ Ihren Vorgänger als DÖW-Leiter, Wolfgang Neugebauer, ärgert, dass „A Letter to the Stars“ der „vorbildlichen Arbeit des Welcome Service mit einem Massenevent Konkurrenz machen will“. Neugebauer hat sich aus dem Unterstützerkomitee längst zurückgezogen. Im Pädagogischen habe es „an Kompetenz gefehlt“, erzählt er. Unlängst hat sich der nächste Proponent verabschiedet – der Politologe Anton Pelinka. Seine knappe Begründung: „Zeitmangel.“

Josef Neumayr, einer der Organisatoren, weist die Kritik zurück. „Es gibt einen Handschlag mit Esra, ihre Experten werden zur Verfügung stehen. Also sind wir bestmöglich vorbereitet.“ Zum Internet-Auftritt sagt er: „Wenn jemandem andere Worte einfallen, berücksichtigen wir das gerne.“ (von Peter Mayr und Nina Weißensteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2007)