Paul Chlebnikow eine Sympathie für den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu unterstellen wäre vermessen. Der US-Journalist russischer Provenienz hat mit seinen Recherchen nicht nur die kriminellen Machenschaften vieler Oligarchen enthüllt, sondern war immer von den Prinzipien der Demokratie und Marktwirtschaft geleitet. Zuletzt war Chlebnikow Chefredakteur des russischen Forbes-Journals. In wessen Auftrag er am 9. Juli 2004 in Moskau erschossen wurde, ist bis heute nicht geklärt.

Am Beginn der Putin-Ära, 2001, geißelte Chlebnikow in einer Analyse den simplifizierten Zugang westlicher Kommentatoren zur russischen Wirklichkeit und zerstreute Mythen: "Indem sie Putins Politik als Renaissance der Diktatur sowjetischer Machart definieren, wiederholen westliche Analytiker und Politiker den gleichen Fehler, den sie Anfang der 1990er-Jahre begingen, als sie Jelzin für dessen ,demokratische' Haltung und ,Reformorientiertheit' naiv auf den Sockel hoben." Das von oligarchischen Clans regierte Russland sei unter Boris Jelzin weder eine Marktwirtschaft noch eine Demokratie gewesen; eine solche werde es "unabhängig davon, was Putin tut, noch lange nicht sein", da keine Zivilgesellschaft die Staatsmacht herausfordere.

Nun konnte man 2001 schwer voraussehen, dass das Putin-Regime die Ansätze einer Demokratie derart konsequent zurückfahren würde. Zügig waren die wichtigsten Massenmedien unter Kontrolle gebracht. Damit konnte nicht nur die Tschetschenien-Tragödie ins "rechte" Licht gerückt, sondern überhaupt Putins Image poliert werden.

Mit der spektakulären Inhaftierung des Ölbarons Michail Chodorkowski wurde ein Exempel für potenzielle Oppositionelle statuiert. Putins Ex-Geheimdienstkollegen machten sich an den politischen und wirtschaftlichen Schaltstellen breit. Die hypertrophe Kreml-Partei "Einiges Russland" segnet diskussionslos Putins Gesetzesinitiativen im Parlament ab. Das Gesetz selbst wird zugunsten der Regimetreuen und Finanzstarken gebogen. NGOs wurden zurückgedrängt. Putins polierte Popularität geriet zum Personenkult. Das Verhältnis zum Westen ist tiefgekühlt. Die Staatsmedien verschweigen, dass die Korruption mehr denn je wuchert und die Wirtschaft am Tropf der hohen Öl- und Gaseinnahmen hängt.

Dennoch bedauern in Russland nur wenige, dass demokratische Institutionen und Marktwirtschaft nicht gestärkt und stattdessen ein autoritäres Regime errichtet wurden. "Die autoritäre Struktur kam nicht nur von Seiten der Staatsmacht, auch die Gesellschaft war sehr leicht damit einverstanden", sagt der Sowjetdissident und Schriftsteller Wladimir Woinowitsch zum Standard: "Das Volk ist seiner Machthaber weitgehend würdig."

Der Mehrheit nämlich ist die Jelzin-Zeit nicht durch eine pluralistischere Medienlandschaft und mehr politischen Wettbewerb in Erinnerung, sondern als soziale Bruchlandung durch neoliberale Reformen, niedrige Löhne und Megainflation. Demgegenüber verbinden die Menschen mit Putin ein Wirtschaftswachstum von jährlich knapp sieben Prozent, steigenden Wohlstand und Stabilität durch eine starke Hand.

Ungewöhnliche zwei Drittel sprechen laut einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums vor den Parlamentswahlen am Sonntag von Optimismus. Und das flaue politische Interesse ist laut Waleri Fjodorow vom Umfrageinstitut WZIOM Ausdruck einer "Normalisierung des sozialen und ökonomischen Lebens".

Am Ende von Putins zweiter Amtszeit divergieren die westliche und die innerrussische Wahrnehmung wie eh und je. Während westliche Beobachter den 1990er-Jahren nachtrauern und Putins Kurs bedauern, begnügt sich die Mehrheit der Russen gelassen mit dem bescheidenen Ausmaß der politischen Partizipation und schätzt das Gefühl von Größe, Ordnung, Kalkulierbarkeit und Stabilität. Übrigens ganz im Einklang mit westlichen Wirtschaftstreibenden, die von ihrem Russland-Engagement prächtig profitieren. (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2007)