Wien/Linz - "Manche sagen: Bei mir hat das der Lehrer nie gemerkt, ich war gut beim Abschreiben." Das sei der Ausnahmefall, erklärt Sonja Muckenhuber, Expertin für Alphabetisierung. Denn viele Analphabeten, denen sie begegnet, haben einen Pflichtschulabschluss, ohne dass sie "Täuschungsmanöver" anwenden mussten. In der Regel erkennen Lehrer leseschwache Schüler, sie leiten das Problem aber nicht weiter.

Die Unesco geht von rund 600.000 Menschen in Österreich aus, die nicht sinnerfassend lesen können, sie zählen großteils zu den sekundären Analphabeten. "Das Lesen wurde nicht nachhaltig gelernt, sodass die Kompetenz verlorengeht", erklärt Gottfried Müllschitzky vom Projekt "Lesefit", das nach Pisa 2000 initiiert wurde.

Die Leseschwächen bei Schülern würden nicht kommuniziert, denn um externe Hilfe anzusuchen, bedeute für viele Lehrer ein Eingestehen des vermeintlich eigenen Versagens, sagt Muckenhuber. Doch die Verantwortung liegt nicht nur beim Lehrer, denn den ersten Schritt zur Lesefähigkeit setzen die Eltern. Laut einer Expertise von 2006 zur "Lesekompetenzsteigerung bei Jugendlichen" von Peter Härtel und Marion Höllbacher entscheidet deren Leseverhalten. Sekundärer Analphabetismus wird sozial reproduziert: Eltern, die nicht lesen können, vererben diese Last oft weiter. Denn um der Frage "Papa, was steht da? Lies mir das vor" zu entgehen, hätten diese schlicht keine Bücher zu Hause, sagt Muckenhuber.

Unterstützend kann in den Fällen die Nachmittagsbetreuung sein, doch ihre Qualität ist keinesfalls gesichert. Denn die Umsetzung bleibt der Schule überlassen. "Manche sind damit überfordert, weil sie weder das Personal und die Räumlichkeiten noch sinnvolle Konzepte haben", bestätigt Martin Retzl des Instituts für Bildungswissenschaft der Uni Wien. Es werden dafür "kaum bis gar keine Ressourcen" bereitgestellt.

"Die Lehrer fühlen sich überfordert" mit den von der Gesellschaft gestellten Ansprüchen, sagt Retzl. Er ortet ein "Wirrwarr an Verantwortlichkeit". Es brauche klare Entscheidungsstrukturen zur Bewältigung des Problems: "Die Ziele müssen von Lehrern, Eltern und Schülern umgesetzt werden. So fühlt sich jeder mehr verantwortlich." (Louise Beltzung/DER STANDARD-Printausgabe, 29. November 2007)