Im Herzen Hollywoods, im riesigen Kinosaal des Amerikanischen Filminstituts (AFI), stand vor einem großen Publikum der junge Hoffnungsträger des österreichischen Films, Stefan Ruzowitzky, Rede und Antwort über die deutsche und österreichische NS-Vergangenheit. Neunundneunzig Minuten lang sahen Kritiker, interessierte Künstler und Intellektuelle jenes bereits international hochgelobte KZ-Drama über die größte Fälschungsoperation der NS-Ära, das historische Realität und Fiktion auf der Grundlage des Berichtes des Zeitzeugen Adolf Burger in berührenden und erschütternden Bildern miteinander verwoben hat. Es ging um eine Etappe auf dem verschlungenen Weg zur Auswahl der besten nicht englischsprachigen Filme für die Oscar-Verleihung 2008. Nach der Vorführung beantwortete Ruzowitzky als Regisseur und Drehbuchautor locker, sympathisch und überzeugend in ausgezeichnetem Englisch zahlreiche Fragen über die Entstehungsgeschichte und das europäische Echo auf seinen Film .

Durch einen glücklichen Zufall konnte ich an einem Sonntag Nachmittag in Los Angeles dieser Begegnung des Wiener Regisseurs mit den fachlich versierten, kritischen Zuschauern beiwohnen. Die Aufführung beim Internationalen AFI- Filmfestival (100 Filme aus 37 Ländern) fand nämlich nur einige Tage vor meinem Vortrag im Europäischen Forschungsinstitut bei der Universität von Kalifornien (UCLA) über "Österreichs Rolle in Mittel- und Osteuropa" statt. Die Szenen im Kinosaal, ebenso wie die Fragen und Kommentare der Studenten und Professoren nach dem Vortrag an der Universität, waren deshalb symbolträchtig für mich, weil sie die natürliche Akzeptanz eines neuen demokratischen Österreichbildes zeigten.

Selbst der international angesehene, ungarnstämmige Nationalökonom Professor Ivan Berend, der in seiner Einleitung zu meinem Auftritt einen roten Faden von Hitler bis zu Waldheim zog, hat vorbehaltlos die politische und wirtschaftliche Erfolgsstory der Zweiten Republik anerkannt.

Für einen Beobachter, der die amerikanischen Entrüstungsstürme nach der Schönau-Geiselaffäre und der Schließung des sowjet-jüdischen Transitlagers 1973, bei der Waldheim-Affäre 1986-87 und nach der Bildung der schwarz-blauen Regierung 2000 auf Vortragsreisen und Interviews hautnah erlebte, waren die US-Eindrücke in diesen Novembertagen über ein Österreichbild (fast) ohne Schatten besonders wohltuend. In diesem drittgrößten Bundesstaat mit einer, verglichen mit Österreich, viermal größeren Bevölkerung, symbolisieren zum Beispiel für jeden Durchschnittskalifornier vor allem Gouverneur Arnold Schwarzenegger, aber auch Menschen wie etwa s´der Starkoch Wolfgang Puck mit seinen Restaurants und Produktenkette und nicht mehr, wie früher, Waldheim oder Haider das neue Österreich.

Selbst viele demokratisch gesinnte Intellektuelle sind vor allem nach dem Eintreten des Ex-"Terminators" für konkrete Klimaschutzmaßnahmen und angesichts seiner während der Brandkatastrophe bewiesenen Handlungsfähigkeit zu "Schwarzenegger-Fans" geworden.

Ein Österreichbild (fast) ohne Schatten wurde übrigens vorige Woche in der wahrscheinlich einflussreichsten angelsächsischen Wochenschrift, im Londoner Economist auf zehn Seiten unter der prägnanten Überschrift: "Der Klang des Erfolges" veröffentlicht. Politisch, wirtschaftlich und sozial wird Österreich also trotz Kritik an der Ausländerpolitik und an manchen anderen "Schönheitsfehlern" von London bis Budapest, von Los Angeles bis Zagreb als ein politisch stabiler und wirtschaftlich blühender Kleinstaat betrachtet und wohl zum Teil auch beneidet. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2007)