Harry Rowohlt im Interview: "Bei Memoiren kann man doch, dächt' ich, gar nicht spät genug anfangen."

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Österreich 2007: Motivsuche, Diamond Garden

Foto: Blackbox Films/Hannelore Tiefenthaler

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(6.12.2007):
Leuchtrentner, sparsam im Verbrauch

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Kein Flehen hilft, kein Zähneknirschen, vielleicht klappt's aber doch mit Kirschen. (Harry Rowohlt)

Bei "Gelbe Kirschen" hat es bekanntermaßen leider noch nicht geklappt, aber nun gibt es kein Halten mehr: Als Darsteller des "Herrn Schwarz" wird Harry Rowohlt den Diamond Garden zum Kriminalschauplatz machen.

Solangedervorratreicht hat den vielfach preisgekrönten (Brüder-Grimm-Preis, Kurd-Laßwitz-Preis, Johann-Heinrich-Voß-Preis, Goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte Exemplare der CD Pu der Bär, Deutscher Jugendliteraturpreis, u.v.m.), Autor (In Schlucken-zwei-Spechte, Pooh's Corner, John Rock oder der Teufel) und Darsteller in seinem Hamburger Chalet gestellt. Rowohlt hieß seinen Kammerdiener kurzerhand Getränke aufzutragen und hörte sich konzentriert eine Interviewfrage nach der anderen an.

SdVr: Herr Rowohlt, finden Sie alt sein gut?

SdVr: Haben Sie Erfahrung im Umgang mit Schießgewehren?

[Rowohlt schwieg vor sich hin, ...]

SdVr: Was halten Sie vom Beruf "Anlageberater"?

[... bis der Kammerdiener bei der 14. Frage schließlich mit Getränken kam. Whiskey natürlich, Wasser, Kaffee und lauwarmem Salbeitee.]

Harry Rowohlt: Ich fange mal, wie bei der taz, hinten an. (Ich weiß, hätte "STANDARD" heißen müssen, aber ich lebe nun mal in Deutschland. Als ich allerdings in Wien auf Montage war, habe ich jeden Tag den STANDARD gelesen. Wenn man den öffentlich in Deutschland liest, denken alle: "Gibt es die Gazzetta dello Sport jetzt auch auf deutsch?")

SdVr: Kennen Sie Gerhard Polt? Was halten sie von ihm?

Rowohlt: Ja, ich kenne Gerhard Polt. Als mir 2001 der "Göttinger Elch" für meine Verdienste um Humor und Satire verliehen wurde, hielt Polt turnusgemäß als mein Vorgänger die Laudatio, die aus einem Wort bestand: "Reschpekt." Als wir am nächsten Morgen mehr tot als lebendig im Hôtel beim Frühstück saßen, sagte er: "Kojt is heraus. Des mias ma ausnützn. Bleima herinn." Polt sitzt für die Grünen in seinem Kaff am Schliersee im Gemeinderat. Als er wieder einmal den Vorschlag einer verkehrsberuhigten Zone mit 30 km/h machte, sagte der Bürgermeister: "Scho, aber manchmal pressiert’s halt." Von Polt halte ich unsagbar viel.

SdVr: Woher kennen Sie Ole von Beust?

Rowohlt: Woher soll ich denn Ole von Beust kennen? Der ist doch nicht Gerhard Polt.

SdVr: Wie sagt Ihnen das österreichische Kino zu?

Rowohlt: Die beiden österreichischen Filme, in denen ich bisher mitgespielt habe, fand ich nicht so doll. Das ist aber nur gerecht. Ich war früher aktiver Filmkritiker bei der Zeit, und seitdem spiele ich aus Rache nur noch bei Mist mit und sehe für "Solange der Vorrat reicht" eher schwarz. Im Fernsehen bin ich mal in einen österreichischen Spielfilm gezapst, in dem plötzlich völlig unvermittelt ein Rudel Kinder über die Matten tollte und sang: "So a Gems müsst ma sein, net zu groß und net zu klein!" Das hat mir spontan eingeleuchtet.

SdVr: Frank McCourt hat mit 66 sein erstes Buch geschrieben, den Weltbestseller "Die Asche meiner Mutter". Finden Sie, dass das ein gutes Alter ist, um als Romancier zu debutieren?

Rowohlt: Frank McCourt war Lehrer und hat allen sein Leben so oft erzählt, bis es stimmte. Bei Memoiren kann man doch, dächt' ich, gar nicht spät genug anfangen. Sonst muss man Sachen hinschreiben, die einem erst noch zustoßen werden, und wenn es dann passiert, ist man vielleicht enttäuscht.

SdVr: Beim Film werden während der Dreharbeiten jeden Tag Tagesberichte angefertigt mit allerhand Angaben über Arbeitszeiten, Pausen, anwesende Teammitglieder, Materialverbrauch etc. Sollten Tagesberichte mehr gelesen werden?

Rowohlt: Unbedingt. Aber nicht unbedingt von mir.

SdVr: Zu der Zeit, als Sie in New York gelebt haben, was hat man da so geraucht?

Rowohlt: Ich Gauloises, weil es keine Roth-Händle gab. Und Joints, weil es keine Roth-Händle gab. Alle anderen haben alles mögliche geraucht. Nur keine Roth-Händle.

SdVr: Haben Sie Erfahrung im Umgang mit Schießgewehren? Oder elektronischen Fußfesseln?

Rowohlt: Ich habe im Combat Shooting mit drei verschiedenen Faustfeuerwaffen 96 von 100 möglichen Punkten. Also Obacht.

Ich habe mal eine unsäglich dumme Richterin kennengelernt und weiche seitdem aus Angst keinen Fingerbreit von Gottes Wegen ab, habe deshalb auch keine Erfahrung mit elektronischen Fußfesseln.

SdVr: Mögen Sie aufbrausende Menschen?

Rowohlt: Kommt drauf an. Wenn das gut gemacht ist.

SdVr: In letzter Zeit liest man wiederholt von alten Leuten, die sich nachhaltig an die Gurgel gehen. In Tirol hat dieses Jahr eine 69-jährige Frau ihre 80-jährige Schwester mit der Axt erschlagen, angeblich weil die von der 69-jährigen gekochten Nudeln der Schwester nicht schmeckten. Sie seien zu wenig gesalzen gewesen und zu wenig gekocht. Anderswo hat sich ein Rentnerehepaar wegen des Fernsehprogramms gestritten und darauf hat der Mann seine Frau umgebracht. Was halten Sie von dieser Art von Zuwendung?

Rowohlt: Ich bin Viertelitaliener (al dente) und lebe ziemlich kochsalzarm, hätte die nörgelnde Schwester also – s. Combat Shooting! – eher abgeknallt.

SdVr: In Japan gibt es in Altenheimen elektronische Teddy-Bären mit Sprachprogrammierung. Besser kommt der Bär angeblich an, wenn er den Menschen keine persönliche Frage stellt, sondern eine Aussage zur Umgebung oder dem Wetter trifft. Überrascht Sie das? Was müsste so ein Bär** können, damit Sie sich einen ins Haus kommen ließen?

Rowohlt: Da in Japan auch Gegenstände belebt und beseelt sind, hat Ihre Fragestellung im Lande des Chrysanthementhrons durchaus ihre Berechtigung, hier dagegen muss ich sie als grob humoristisch ablehnen.

SdVr: Sie spielen in "Solange der Vorrat reicht" einen Anlageberater. Ist das ihre erste Rolle als Anlageberater?

Rowohlt: Ja. Merkt man das?

SdVr: Was halten Sie vom Beruf "Anlageberater"?

Rowohlt: Ich kapiere ihn nicht. Wenn er soviel davon versteht, warum arbeitet er dann immer noch als Anlageberater?

SdVr: Wie stellen Sie sich das Leben in Seniorengärten vor? (Der österr. Sozialminister Buchinger hat in Analogie zu Kindergärten unlängst davon gesprochen – Anm. d. Red.)

Rowohlt: Und warum spricht der Herr Sozialminister in Analogie dann nicht von Juniorengärten? (Anm. d. Übersetzers)

SdVr: Herr Rowohlt, finden Sie alt sein gut?

Rowohlt: Bisher klappt ja noch alles. Ja. Alles.

SdVr: Wir danken für das Gespräch.

Rowohlt: Von mir aus. (Leopold Lummerstorfer/Martin Puntigam, 29.11.2007)

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