"Fragments"

Foto: Landestheater / C.I.C.T.

St. Pölten – Die Etikettierung Becketts als negativ und pessimistisch war falsch. Das stellt Peter Brook seiner Inszenierung von fünf Beckett-Dramoletten, "Fragments", im Textheft voran. Sein Ausloten von Abgründen menschlicher Existenz mündet letztlich in die Errettung mittels Humor.

Humor, der nicht unbedingt eine Steigerung existenzieller Verzweiflung sein muss, der manchmal sogar schlicht komisch ist während dieses einstündigen Abends, eines Gastspiels von Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord mit drei ganz außergewöhnlich starken Schauspielern (Kathryn Hunter, Jos Houben und Marcello Magni).

Im "Act Without Words II" wechseln sich zwei Männer staffelweise im Sisyphos-Laufen ab. Als schlafende Menschenbündel in Planensäcken eingeigelt, werden sie von einem riesigen Gummistift, der aus dem Nichts heruntergelassen wird, angestupst. Da ergeht sich der eine (Magni) fürchterlich im Leiden seines Daseins, spuckt sein Essen angewidert aus und ist nur zu froh, nach erledigter Arbeit (es gilt, die Planenladung ein Stückchen weiterzuziehen) wieder in seinen Sack schlüpfen zu können.

Der andere (Houben) aber singt, tänzelt und strahlt und küsst die vom anderen verschmähte Karotte wie eine Geliebte zum Abschied, ehe sein Tag zu Ende sein muss. Das Schöne daran: In dieser Pantomime stimmt jeder Augenblick, werden alle Gesten vollendet ausgespielt, bekommt man, wie auch in den anderen Sequenzen, tadelloses Handwerk, große Charaktere zu sehen, die mit wenigen und einfachen Bewegungen umfassende Bedeutungen erklären.

In "Rockaby", dem elliptischen Monolog einer alten Frau, die sich zum Sterben in einen Schaukelstuhl setzt, und im Textfragment "Neither", beides Soli, verarbeitet Hunter einen minutiös rotierenden Sprachfluss, verbildlicht mit einer ungeheuren szenischen Kraft und Deutlichkeit den abstrakten Textkörper.

Im schlichten Bühnenraum wird vor allem mit pointierten Schattenwürfen (Lichtdesign: Philippe Vialatte) gearbeitet. Lichtkegeln wird dabei geradezu ein darstellerischer Status zugemessen. Sie durchdringen den dunklen Raum, deuten symbolisch ein Geschehen an, das zwar nicht stattfindet, quasi auf einer anderen Ebene aber jene Dringlichkeit und Not begreiflich macht, die etwa Magni als blinden Bettler im "Rough for Theatre I" feststellen lassen: "Mein Unglück ist, dass ich nicht unglücklich genug bin." Dass er feststeckt in seinem Elend, welches zugleich wieder sich selbst paraphrasiert. Dasselbe Motiv in "Come and go", die Begegnung dreier ebenso im Elend ihrer Existenz gefangenen Freundinnen, die sich gegenseitig ausrichten. Schade, dass der Abend nur eine Stunde dauerte. (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2007)