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Paranthropus robustus, westlich von Johannesburg gefunden. Rechts der Schädel eines Weibchens, links der Unterkiefer eines Männchens.

Foto: Reuters/Mike Hutchings
Washington - Südafrika vor rund eineinhalb Millionen Jahren: Die hügelige Graslandschaft westlich von dem Ort, an dem Johannesburg entstehen wird, beherbergt eine artenreiche Fauna. Herden von Wiederkäuern ziehen umher, Raubtiere lauern auf Beute. Und an den Hängen tauchen immer wieder Gestalten auf, die auf zwei Beinen gehen.

Es sind Affenmenschen, nah verwandt mit unseren damals schon existierenden Vorfahren der Gattung Homo. Ihre Gesichtszüge sind derb. Die Kiefer stehen vor und werden seitlich von mächtigen Kaumuskeln umfasst. Im Mund tragen die aufrechten Wesen besonders kräftige Backenzähne. All diese anatomischen Merkmale werden später die Forschung beschäftigen.

Ihre heutigen Kenntnisse über Paranthropus robustus verdanken Wissenschafter zahlreichen Fossilienfunden aus den Kalksteinhöhlen von Swartkrans, Kromdraai und Drimolen in der südafrikanischen Region Transvaal. Seit 1938 wurden dort die sterblichen Überreste von mehreren hundert Affenmenschen ausgegraben. Darunter sind auffällig viele separate Schädel und Unterkiefer.

Der Mangel an sonstigen Knochen war lange Stoff für akademische Debatten. Inzwischen gehen Experten davon aus, dass Panther, Hyänen und die ausgestorbene Säbelzahnkatze Dinofelis piveteau die fehlenden Körperteile verschwinden ließen.

Einige der Fossilien zeigen Bissspuren. "Raubtiere machten begeistert Jagd auf Hominiden", erklärt der Anthropologe Charles Lockwood vom Londoner University College gegenüber dem Standard. Torso und Glieder wurden zermalmt und verspeist, die Köpfe dagegen verschmähten sowohl die Jäger wie auch die Aasfresser.

Doch die Gebeine erzählen noch mehr. Zusammen mit Kollegen hat Lockwood 35 Schädel- und Kieferreste von P. robustus präzise miteinander verglichen. Die Analyse lässt auf deutliche Entwicklungsunterschiede zwischen weiblichen und männlichen Exemplaren schließen.

Spätere Männer-Reife

Erstere waren demnach bereits im Alter von etwa zehn Jahren erwachsen. Die Männchen reiften wesentlich langsamer heran. Das Alter der Individuen bestimmten die Forscher anhand der Abnutzung der Zähne. Die Affenmenschen ernährten sich wahrscheinlich zu einem guten Teil von Nüssen und anderer harter pflanzlicher Kost. Deshalb verfügten sie über starke Kiefern und Kaumuskeln.

Das Ergebnis der Studie, so die Anthropologen in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science (Band 318, S. 1446), ermöglicht Rückschlüsse auf das Sozialverhalten von P. robustus.

Vermutlich lebten die Affenmenschen in ähnlichen Rudelstrukturen wie heute Gorillas. Gruppen fortpflanzungsfähiger Weibchen wurden somit von dominanten, älteren Männchen als Harems "monopolisiert", während die Halbstarken nach verlassen ihres Familienverbandes noch einige Jahre alleine oder in Junggesellen-Trupps umherzogen. Solange, bis sie kräftig genug waren, um ein eigenes Rudel zu führen.

Vorher jedoch fielen viele dieser "Jungmänner" den Raubtieren zum Opfer, weshalb auch die meisten Schädelfunde aus den oben genannten Höhlen männlichen Ursprungs sein dürften.

Evolutionsbiologisch macht eine solche Sozialstruktur durchaus Sinn. Nur wer fit genug ist, um die harten Lehrjahre in freier Wildbahn zu überleben, wird sich mit möglichst vielen Weibchen fortpflanzen und so für optimalen Nachwuchs sorgen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. November 2007)