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Wer in Tel Aviv bei McDonald’s koscheren Burger essen will, muss am schwerbewaffneten Posten vorbei.

REUTERS/Ronen Zvulun
Zürcher Geschnetzeltes? Nein, das ging nicht. Obwohl die Mutter nicht religiös war und das Geschnetzelte die Spezialität ihrer Heimatstadt, das hätte sie nicht angerührt. Milch und Fleisch, das ging beim besten Willen nicht, erinnert sich Micha Gross lachend. Der Bauhaus-Experte und Psychologe betreibt ein elegantes Designgeschäft nahe dem Dizengoff-Square im Zentrum von Tel Aviv. Er selbst isst nicht koscher, die Feiertage sind Rituale für die Kinder wie Weihnachten und Ostern in der Schweiz. Was er ist? "Jude bin ich sowieso", sagt Gross entspannt, "vor allem bin ich Israeli."

Es ist Sabbat in Tel Aviv. Unten am Meer an der Promenade des Hayarkon patrouillieren Touristen und Liebespaare statt Soldaten. Die Stimmung ist entspannt wie die Wirtschaftslage, Ende Oktober ist kaum ein Zimmer in Tel Aviv mehr frei, der Tourismus boomt. Im Strandcafé wird ein sehr englisches Roastbeef mit Mayonnaise serviert. Wie überall erzählt das täglich Brot von seinem Esser und von seinem Bäcker, von den Unterschieden, den Vorschriften, den Freiheiten und von den Problemen, die es schafft.

Um koscher oder nicht koscher kümmert sich die "Cappuccino-Jugend", wie die jüngere von der älteren Generation genannt wird, nicht. Eher darum, irgendwo ein Zimmer zu finden, die Mieten sind exorbitant. Die jungen Sabras sind von erstaunlicher Fitness, das Vorbild ihrer Körpergestaltung scheint eher Bruce Willis als David Copperfield.

Die Härte der Terrorschläge und die Radikalität der Reformen von Benjamin Netanjahu Ende der 90er-Jahre prägt auch ihre politische Einstellung. Immerhin 67 Prozent der 19- bis 24-jährigen Israelis bejahten laut Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2004 die Frage, ob eine starke Führung einem demokratischen Regime vorzuziehen sei.

Zugleich ist die junge Generation der Israelis skeptischer denn je. Weniger als die Hälfte blickt optimistisch in die Zukunft, und nur noch 58,5 Prozent bestätigen, dass sie gerne in Israel leben. 1998 lag der Wert noch bei 71,3 Prozent. Bemerkenswert: Mehr als die Hälfte der Befragten erachten die Ermordung von Yitzhak Rabin 1995 durch einen radikalen jüdischen Nationalisten als einen Wendepunkt in ihrem Leben.

Von religiösen Ernährungsvorschriften halten sie wenig bis gar nichts. Der prominente Sänger und Entertainer Uri Zohar, eine Art jüdischer Cat Stevens, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis in den 80-er Jahren von der Musik abwandte und Rabbiner wurde, ist eine seltene Ausnahme. Aharona Bitton, Assistentin bei Electronic Lines 3000, bringt es auf den Punkt: "Ich esse alles, wenn es sein muss, sogar koscher."

Auf Feinschmeckertour

Aharonas Chef ist Amir Hayek. Seine Mitarbeiter dürfen ihn beim Vornamen nennen, in seinem Büro in Petach Tikva darf man sogar rauchen. Hinter dem Schreibtisch liest man die Parole an der Wand: "Never say I can't." Man sollte sie ernst nehmen, wenn man mit ihm arbeitet. Amir Hayek ist einer der Gewinner der letzten Jahre. Seine Firma produziert Alarmanlagen. Mit seinen internetgesteuerten Designer-Sicherheitssystemen hat Electronic Lines internationalen Erfolg. "Israel ist ein Supermarkt für neue Technologien", sagt Hayek. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Startup-Firmen wie in Israel. Am Nasdaq-Index sind israelische IT-Unternehmen in diesem Jahr auf Platz zwei (nach den USA, aber vor der gesamten EU) vorgerückt.

Hayek macht nicht den Eindruck, dass er sich von irgendjemandem vorschreiben lässt, was er essen darf. Ebensowenig wie Gil Shwed, der Erfinder der Firewall. Der Programmierer und Unternehmer nützte seine Kenntnisse, die er bei einer Eliteeinheit der israelischen Armee erworben hatte, und machte mit seiner Erfindung ein Vermögen. Seine Karriere ist nicht untypisch. Legendär wie sein Aufstieg sind Shweds Feinschmeckertouren durch Tel Aviv. Als Identifikationsfigur ist Shwed für die jüngere Generation der Israelis ebenso wichtig wie Ben Gurion.

Erfolgreiche Hightech-Unternehmer wie Shwed und Hayek werden heute verehrt wie damals die Helden des Sechstagekrieges. Der Sieg an der global verlaufenden Technologiefront scheint der eigentliche zukunftsträchtige Identitätsspender des Landes. Wie Hayek wünschte sich auch Aliza Olmert unlängst in einem Spiegel-Gespräch neben Frieden gleich an zweiter Stelle, "dass Israel eine Hightech-Gesellschaft wird". Man hätte gedacht, die Bildhauerin, Schriftstellerin und Gattin des israelischen Ministerpräsidenten würde mehr soziale Gerechtigkeit, Kreativität oder Wohlstand sagen, aber vielleicht meint sie das ja.

Der Erfolg hat System. Die Forschungsquote beträgt 4,5 Prozent und liegt damit weit über dem OECD-Durchschnitt, seit 1994 haben sich die Budgets für Forschung und Entwicklung mehr als verdoppelt. Der wesentliche Rohstoff des Landes sind Ideen, die von einem äußerst effektiven staatlichen Fördersystem für angewandte Technologien, dem Incubator, ausgebrütet werden. Der Incubator ist die schärfste Waffe Israels im Kampf um technologischen Vorsprung. In hohem Tempo werden markttaugliche Ideen umgesetzt und danach einer gnadenlosen Evaluierung unterzogen. Dass der zuständige Industrie- und Handelsminister der religiösen Schas-Partei angehört, stört nicht im Geringsten.

Schweinswürste im Supermarkt

Die neoliberalen Reformen in den 90er-Jahren haben das israelische Wirtschaftswachstum beflügelt, zugleich jedoch die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lassen. Zwischen 1990 und 2003 wuchs die Zahl der Personen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, um 400 Prozent. Zumindest 25 Prozent der Israelis gelten heute als arm. Die Armut betrifft alleinerziehende Mütter ebenso wie kinderreiche orthodoxe Familien, Arbeitslose und Angehörige unterprivilegierter ethnischer Gruppen. Die Zahl armer Familien stieg von 230.000 im Jahr 1998 innerhalb von vier Jahren auf 325.000; dabei sind 556.000 Kinder von Armut betroffen. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Sozialhilfebezieher um 60 Prozent.

Der Incubator wurde ursprünglich erschaffen, um die Ressourcen der neuen Immigranten zu nutzen. Zu Beginn der 90er-Jahre strömte eine Million Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Israel. Die Immigranten, nicht mehr Flüchtlinge, veränderten das soziale und ethnische Gefüge des Landes. Dem Ende der Sowjetunion verdankt Israel eine Unzahl brillanter Wissenschaftler und eine der stärksten Schachmannschaften der Welt, zugleich veränderten sich die Speisekarten: In manchen Supermärkten Tel Avivs gibt es jetzt auch Schweinswürste zu kaufen. Ein Gutteil, vielleicht Großteil der durch das erweiterte Rückkehrgesetz nach Israel gelangten Immigranten haben mit dem "jüdischen Staat", wie ihn Ben Gurion 1948 proklamierte, nichts am Hut.

Ein modernes Judentum versucht dagegen Daniela Beilin zu leben, privat wie politisch. Die engagierte Sozialistin und Leiterin mehrerer internationaler Hilfsprojekte versucht den Zusammenhang in einem Satz zu erläutern: "Ich esse nicht koscher, aber ich bin koscher." Das ist nicht leicht zu verstehen, ja, sogar widersprüchlich, aber es gilt den Widerspruch produktiv zu machen.

Ari Akermann, der junge Gelehrte und Hannah-Arendt-Experte aus Jerusalem, bleibt skeptisch. "Die junge Generation glaubt nicht mehr an die großen Erzählungen", sagt er, "die israelische Gesellschaft hat sich postmodernisiert, nicht aber, und das ist das Problem, der israelische Staat."

Weihnachten statt Chanukka

Manche Angehörige der jüngeren Generation wissen nicht mehr, was koscher ist, wenn sie es je wussten oder wissen wollten. Anfang September wurde in Tel Aviv ein Ring von jugendlichen Neonazis von der Polizei ausgehoben. Die Hitlerverehrer und glühenden Antisemiten mit israelischem Pass hatten eine Synagoge verwüstet und mit Hakenkreuzen beschmiert, orthodoxe Juden, Obdachlose und Schwule verprügelt. In ihren Wohnungen wurde, wie in österreichischen Kasernen, belastendes Videomaterial mit Hitlergruß gefunden. Was vor ein paar Jahren ein unerträglicher Skandal gewesen wäre, wird heute mehr oder minder achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Für Akermann ist die Existenz von israelischen Skinheads ein Normalisierungsprozess, ebenso sieht es Dov, der Taxilenker, der zwischen Tel Aviv und Jerusalem pendelt und häufiger zu seinen Fahrgästen auf die Rückbank blickt als auf die Straße.

"Das sind nur ein paar besoffene Spinner", sagt Dov, "die gibt's überall." Dov war lange Soldat in der Armee. Er wüsste, was er mit den Naziidioten machen würde, da braucht es keine Gesetzesänderung. Das Problem sind nicht die Russen, sondern die Palästinenser, die keine Verantwortung übernehmen wollen, obwohl sie mehr Geld von den Europäern bekommen als je zuvor. Dov ist ein Fan der Mauer, sie sorgt für Ruhe, an Frieden glaubt er nicht. Woran er glaubt? "Dass wir gewinnen."

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Im Museumsshop von Yad Vashem, dem Holocaustmemorial in Jerusalem, zählen koschere Kochbücher zu den meistverkauften Artikeln. Die Touristen aus den USA und Europa stehen geduldig vor der Kassa, um eine kleine Erinnerung zu erwerben. Was suchen sie in den Kochbüchern, die daheim nie eine Synagoge besuchen, die Weihnachten statt Chanukka feiern und der israelischen Außenpolitik kritisch begegnen?

In aller Regel Abwechslung, manchmal ein bisschen mehr: eine kommode Identitätsspur, die Differenzen im Lebensstil verspricht und ansonsten nicht allzu sehr stört. Und dennoch, es ist schon erstaunlich, wenn man sieht, wie ehemalige Linke, für die doch Gott nur ein elendes Trugbild war und alle religiöse Tradition ein Graus, koscher zu essen beginnen und opferbereit in ihren Stammbäumen stochern, um kulturelle Wurzeln zu entdecken.

An der Universität Wien haben sich die Inskriptionszahlen für Judaistik von 1980 bis 2000 mehr als verdreifacht, in allen europäischen Metropolen eröffnen koschere Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. Die altneuen Esser würden sich nie als religiös bezeichnen, sie suchen etwas anderes, ein tolerantes, friedliches, aber doch irgendwie bewusstes Koscher jenseits der Orthodoxie, das aufgeladen ist mit spiritueller Energie und ein wenig Mystik. Sie essen bewusst und zugleich im Bewusstsein, dass der Glaube daran viel zu schön ist, um wahr zu sein. Was sie in den freundlichen, bunten Bildern der Kochbücher zu finden hoffen, ist vielleicht ein kulturell gedämpftes Judentum, in dem sich Religion zu einem humanistischen und liberalen Ideal säkularisiert.

In Jerusalem wie im ganzen Nahen Osten ist für Kultur wenig Raum zwischen Politik und Religion. Die heilige Stadt ist die Hochburg der Orthodoxen und der Orthodoxien. Es herrscht Gedränge.

Auf einem Hügel in Talpiot südlich der Altstadt feierten Anfang November die äthiopischen Juden den Sigd, ihren höchsten Festtag zur Feier der Rückkehr aus der Diaspora. Vom Sprecher der Äthiopier, Avi Masfin, wurde eine Petition verlesen, die an das aschkenasische und sephardische Rabbinat gerichtet war. Masfin verlangte die Anerkennung des äthiopischen Feiertages im jüdischen Festtagskalender, da er "für alle Juden von Bedeutung" sei. Vergeblich, die Anerkennung blieb bislang versagt.

Doch weder die Petition noch die amharischen Gebete waren für die Mehrzahl der jüngeren Teilnehmer, die wie jedes Jahr aus ganz Israel zum Fest strömten, von Belang. Eigentlich ist Sigd ein Fasttag, aber gegessen wurde doch, nicht zuletzt Hot Dogs. Am Rande sah man junge Leute mit Dreadlocks und Strickmützen zum Reggae tanzen, und wer eine gute Nase hat, konnte gegen Abend den süßlichen Duft von Marihuana bemerken. Haile Selassie wird um einiges heftiger verehrt als Jahwe. Man kommt in Versuchung, Marxens Wort vom "Opium des Volkes" auch wörtlich zu nehmen. Die Jerusalemer Jugend hat ein doppeltes Drogenproblem.

Kulturell gedämpftes Judentum

Aber was haben sie gemeinsam, fragt man sich hier? Die frommen Haredim, die muslimischen, drusischen, christlichen, beduinischen, afrikanischen Israelis und die, die kaum etwas sind und an gar nichts glauben, außer an den Wert ihrer Wertpapiere? Die Antwort von Roby Nathanson, dem Leiter des Macro Zentrums für politische Ökonomie, ist eindeutig: "Die israelische Gesellschaft ist eine Parallelgesellschaft, religiös, ethnisch und sozial. Das einzige Bindeglied, das es gibt, ist das Militär."

Der drei- bzw. zweijährige Militärdienst für Männer und Frauen legiert die partikularen Lebensstile durch den Druck von außen, das Militär ist der kleinste gemeinsame Erfahrungsnenner, an den man und frau anschließen können. Eine häufig gestellte Frage beim ersten Rendezvous lautet: "Wo hast du gedient?"

Zertifizierter Pseudo-Shrimp

Doch auch in der israelischen Armee ist die Verpflegung der Soldaten koscher wie in den Krankenhäusern und den Schulen, wie der Klebstoff auf der Rückseite der israelischen Briefmarken. Die Entwicklung eines Verfassungspatriotismus, in dem die Bürger die Suche nach ethnisch-kulturellen Besonderheiten gegen die Beachtung einiger langweiliger, aber halbwegs vernünftiger Prinzipien tauschen, ist in Israel derzeit schwer denkbar. Es gibt keine Verfassung. So ist der Einfluss der Ultraorthodoxen, obwohl er zeitweise zu schwinden scheint, auf das öffentliche Leben nicht zu unterschätzen. Die orthodoxen Familien haben nicht selten acht Kinder, das macht - bei anhaltender Religiosität - ein Schachbrett voller Enkel, ihre Zahl ist in der Lage, ganze Wohn- und Wahlbezirke Jerusalems demographisch zu verändern.

Die religiöse Frage der Ernährung bleibt daher ein Politikum, auch wenn manches absurd erscheint. Bei der Jerusalemer Kashrut-Konferenz im Mai diskutierten Delegierte aus 40 Ländern vier Tage lang die neuen Entwicklungen am Lebensmittelmarkt. Entschieden wurde, ob etwa die Beifügung von Stutenmilch in den Wodka zulässig ist, oder über Shrimps. Neuerdings werden die ganz und gar unkoscheren zehnfüßigen Meerestiere, denen Gott weder Schuppen noch Flossen gab, aus Alaska-Seelachs hergestellt. Ein delikates hermeneutisches Problem: Ihr Inhalt ist zwar koscher, ihre Form aber nicht. Nach genauer Prüfung erhielten die Pseudo-Shrimps das begehrte Kashrut-Zertifikat.

Die religiösen Regeln zu missachten, ist für Gastronomen in Jerusalem nicht ganz ungefährlich. Wer in der McDonald's-Filiale im fashionablen Emek Refa'im einen Burger essen will, muss an einem schwerbewaffneten Posten vorbei. Die Vorsicht des amerikanischen Konzerns gilt nicht nur palästinensischen, sondern auch jüdisch-orthodoxen Anschlägen. Die religiösen Ultras reagieren gewalttätig auf Regelverstöße.

Zwei Tage nach dem Sigd-Fest am Sabbat hält die große Mehrzahl der Restaurants und Geschäfte daher geschlossen. Das Restaurant im American Colony Hotel im Osten der Stadt bildet eine Enklave. Die Speisekarte bietet internationale Küche mit mediterranen, arabischen und asiatischen Gerichten. Natürlich auch Shrimps. Sie sind echt, schwört der Maître, und kommen aus Australien. Bis vor kurzem hätten die Garnelen von ganz wo anders her stammen können.

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Sede Boqer liegt südlich von Beer Sheva in der Negev-Wüste, und Samuel Appelbaum weiß alles über Shrimps. 1984 begann der 65-jährige Meeresbiologe der Ben-Gurion-Universität im trockensten Teil Israels mit einer Fisch- und Shrimpszucht. Man kann sich keinen ungeeigneteren Ort denken, um die auf ständige Zufuhr von Frischwasser angewiesenen Krebse zu züchten.

"Ja, es war eine verrückte Idee", kommentiert der quirlige Wissenschafter die Anfangsschwierigkeiten, "aber sie war realistisch." Vor 40 Jahren wurden in 800 Meter Tiefe Aquasphären im Kalkgestein entdeckt. Die rund 200 Milliarden Kubikmeter fossilen Brackwassers reichen aus, um den Negev für Jahrzehnte zu versorgen, und machen den Anbau von Oliven, Datteln und Tomaten möglich. Auch manchem Meeresbewohner behagt das Brackwasser. In Appelbaums Becken tummeln sich Doraden und riesige, etwas unheimliche Barramundis, Verwandte des Nilbarsches, die im Dunkeln sehen können. Antibiotika wie in anderen Aquakulturen sind nicht nötig, der Anbau ist biologisch einwandfrei. Das Fischmehl für die Fütterung kommt allerdings aus Peru.

Appelbaums Arche

Die Shrimpszucht musste Appelbaum jedoch unlängst wieder einstellen. Nicht wegen religiöser Gebote, sondern die israelischen Garnelen fielen der Globalisierung zum Opfer: Gegen die Billigkonkurrenz aus China und Vietnam hatten sie keinerlei Überlebenschance am Markt - und mussten Appelbaums Arche wieder verlassen.

Seine Idee, die Welt vom Negev aus mit frischen Fischen und keimfreien Meeresfrüchten zu versorgen, hat Appelbaum zu einem heimlichen Star der Ben-Gurion-Universität gemacht. Das Projekt ist charmant, technologisch avanciert und steht fast leitmotivisch für die Zukunftsvisionen des Negev durch staatliche und private Investitionen. Ein Science-Park in Beer Sheva wird entstehen, ein nationales Biotechnologie- Institut eröffnet, der Export wird in den nächsten drei Jahren verdoppelt werden, es gibt ein Förderprogramm für Beduinen.

Der springende Punkt ist das Wasser, denn Brackwasser ist zwar für Shrimps, aber nicht für Menschen geeignet. Das staatliche Fördersystem, der Incubator, hilft: Projekt 157 vom Vorjahr wird israelische Wassertechnologie im Negev im großen Stil etablieren.

Für Booky Oren, Leiter der Israeli Water Technologies, ist Wasser die Zukunft, Wassertechnologie ist auch Frieden, denn Wasser ist, erklärt der Manager, der schon in vielen Jobs tätig war, "die klarste und einfachste Geschäftsidee der Welt". Man werde sogar, gemeinsam mit Jordanien, das Tote Meer vor dem Austrocknen retten, mittels einer gigantischen Leitung, die von Eilat quer durchs Land Wasser in die verdampfende Salzlauge pumpt. In seinem Büro hängt das Bild eines Kindes, in dessen nach oben gestreckte Hände Wasser rinnt. Oren schätzt den Markt für Wassertechnologien auf eine halbe Billion Dollar, das ist eine Fünf mit elf Nullen.

Vielleicht braucht es keine nationale Identität, vielleicht ist es möglich, ein ganzes Land wie ein Start-up-Unternehmen zu führen. Mit Feuerwänden aus Tel Aviv, Alarmanlagen aus Petach Tikva und autarken Hightech-Archen in den Sanddünen.

50 Kilometer westlich von Sede Boqer im Gaza beginnt die Hölle. Von Zeit zu Zeit entsendet sie Boten, die die Baukosten der Luftschlösser in Erinnerung rufen. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.12.2007)