Coverfoto: Ecowin Verlag

Die Kapitel in Rudolf Taschners neuem Buch beginnen mit dem seltsamen Erlebnis eines Handlungsreisenden in Kentucky; mit dem Szenario einer globalen Fast-Katastrophe; mit einer Zeitlupen-Szene in einem Film von Claude Sautet; oder mit der Märchenerzählerin Scheherazade. Auf solchen Wegen kommt er zur Sache, zu den eigentümlichen Vorstellungen davon, was Zahlen und Zufälle sind und wie wir uns die Zeit vorstellen können. Mathematisch präzise , aber eben auch in allen möglichen anderen Zusammenhängen.

Man merkt dem Wiener Hochschulprofessor und Mitgründer des math.space im Museumsquartier die Freude an der Materie an bzw. besser: an den zwar immateriellen, aber grundlegenden Themen. Zahl, Zeit und Zufall "sind untrennbar miteinander verwoben", schreibt Taschner. Dann nimmt er den Leser auf einen Spaziergang mit. Er geht überwiegend durch übersichtliches Gelände, keine Formeln versperren die Aussicht, die grafischen Darstellungen sind eher wie zugängliche Gewächse am Wegrand. Nur manchmal wird für den Mathematiker der Wunsch stärker, etwas von der Komplexität der Materie zu vermitteln, etwa bei der Erforschung der Primzahlen, der "seltsamsten Geschöpfe in der Welt der Zahlen". Dann wird es fast so etwas wie kompliziert. Alle populärwissenschaftlichen Bücher möchten den Spagat zwischen Verständlichkeit und Festhalten an wissenschaftlichen Standards bewältigen, und nur wenigen gelingt es. Taschner geht das Problem so an, dass er von vornherein auf tiefe mathematische Erörterungen verzichtet und auf die großen Vorgänger verweist, die sich damit beschäftigt haben - wer will, kann sich die Literaturhinweise zunutze machen.

Dafür nimmt sich Taschner die Freiheit, wie nebenbei einige Mythen zu kritisieren. Erich von Däniken etwa - wer erinnert sich noch? - ist ein leichtes Opfer. Was der für das höhere Wissen außerirdischer Intelligenz hielt, genau funktionierende Kalender der frühen Hochkulturen, erklärt der Autor als Folge genauer Beobachtungen des Mondes und astronomischer Kenntnisse. Die Rede von Paralleluniversen sieht er als "pure, haltlose Spekulation".

Das Buch ist in zwei mal drei Abschnitte geteilt: Zunächst ist "alles" Zahl, Zeit bzw. Zufall, dann werden die jeweiligen "Erfindungen" dieser Konzepte erörtert. Dass alles Zeit sei, wird mit Kafka und mit Gauß eingeleitet, mit der Beschreibung genauer Messungen fortgesetzt, mit den Erörterungen des jungen Einstein über die Lichtgeschwindigkeit weitergeführt und mit der Psychologie des Zeiterlebens zu Ende gebracht: In Kissingers Politikgeschichte seit dem 17. Jh. wird die Zeit immer ausführlicher, also langsamer, sie "lässt sich nur schwer in eine Skala pressen". (Im Zauberberg ist es umgekehrt: Der erste Tag im Sanatorium dauert ein ganzes Kapitel, die letzten sieben Jahre gerade ein paar Seiten.) Die "Erfindung der Zeit" liest sich ähnlich spannend. Auch hier kommen nicht nur Mathematiker zu Wort, sondern etwa auch der Psychiater Oliver Sacks. "Die Zeit vergeht nicht", schreibt Taschner, "wir vergehen."

Und Taschner, der stets selber zwischen Nüchternheit und Subjektivität einen Weg sucht, löst das Problem, die Zeit zu fassen, in einer künstlerischen Ebene auf. Am Schluss, wo es darum geht, wie man Zahlen überhaupt denken kann, gibt er zu bedenken: Wir nehmen die Welt wahr, von unseren ersten Sinneseindrücken an. Doch auf jede erste Wahrnehmung folgt immer eine zweite, und noch eine. Und so ergibt es sich von allem Anfang an: dass sich uns die Welt als eine Viel-Zahl von Erfahrungen darstellt. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2./12. 2007)