Es sind ein paar wenige, im Sound freilich unverkennbar typische Verse, die der Jahrhundertlyriker Gottfried Benn der scheinbar so "unbestechlichen" Abbildungskunst des Fotografierens gewidmet hat: "... die Gestalten, die Striche/ tief in der Tusche des Lichts,/ auf der Platte die Iche -/Züge des Nichts." Doktor Benns ("Haut- und Harnkrankheiten") angeblich so nichtige Züge sind das Thema eines im Grunde überfälligen Bildbandes, in dem ein exemplarisches Autorenleben des 20. Jahrhunderts noch einmal in seiner ganzen Ambivalenz am staunenden

Betrachter vorüberzieht. Der Pastorensohn Benn (1886-1956) überführt den Nihilismus einer zusehends aus den Fugen geratenden Epoche in die betörendsten Verse, die ein an Friedrich Nietzsche und Schlagermelodien geschultes Sprachvermögen abzusondern imstande war. Eine Beschreibung von Benn, dem begierig abgeknipsten Bild-Sujet, könnte lauten: korpulent, von reizbarer Natur; der Blick ungerührt - ein Liddeckel glich aufgrund einer Mensurverletzung dem Auge eines Leguans. Im Gesicht die "tiefe Skepsis, die Stil schafft". Überhaupt Stil: Wir lesen nicht nur schaudernd die Dokumente über Benns unheilvolle Verstrickung in den Nationalsozialismus. Wir betrachten faksimilierte Wirtshausrechnungen aus dem Hannoveraner "Exil" 1936 ("Schmorbraten in Rotweintunke").

Man lebte damals, wie Benn schon vorher, als Geschlechtskrankenheiler, wusste, "zwischen Antennen, Chloriden, Dieselmotoren, man lebt in Berlin." Benn ergötzt sich als erotischer Faun ("Gute Regie ist besser als Treue"). Er verfrachtet sein Töchterlein zur Erziehung nach Kopenhagen. Man sieht den Kindeswegleger Benn auf Besuch bei den Pflegeeltern: Wie aus der Welt herausgefallen sitzt er im Gras, ein Putto vor blühenden Dolden, ein Fremdkörper - ein Genie, das über den Nazismus später allen Ernstes schrieb: "Die Geschichte mutiert und ein Volk will sich züchten!" Eine schmerzlich prachtvolle Bild- biografie, sozusagen unverzichtbar für den skeptischen Haushalt - übersichtlich gemacht, mit Register und Quellenangaben prächtig ausstaffiert. Weihnachten kann kommen! (Ronald Pohl /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.12.2007)