Zwei kleine Dörfer, nur knapp drei Kilometer voneinander entfernt. Und doch hat kaum ein Einwohner des einen Dorfes jemals die andere Ortschaft besucht, geschweige denn gibt es soziale oder wirtschaftliche Kontakte. Keine Szene aus dem nordöstlichen Waldviertel vor der Ostöffnung oder aus gallischen Comics, sondern gelebte Realität in Belgien. Der tiefe Graben zwischen den Orten ist die Sprachgrenze: auf der einen Seite französischsprachige Wallonen, auf der anderen Seite Niederländisch sprechende Flamen. Zwei Bevölkerungsgruppen, die in einem Land nicht zusammen, sondern nebeneinander und zunehmend auch gegeneinander leben. Gestritten wird vor allem ums Geld. Sechs Monate versuchte Wahlsieger Yves Leterme vergeblich, mit seinen Plänen für einen eigenständigeren Norden und geringeren Subventionen für den Süden eine Regierung zu bilden. Sein Scheitern ist allerdings keine „nationale Krise“ – wie dies belgische Abgeordnete sehen –, sondern eine Chance für Belgien. Denn Letermes Pläne wären unübersehbar ein Schritt zur Teilung des Landes gewesen. Die wirtschaftliche Lösung der Flamen von den Wallonen und die weitere Schwächung der Bundesregierung in Brüssel hätte recht bald die Sinnfrage ausgelöst: Wozu noch Belgien? Mit Didier Reynders könnte erstmals seit rund 30 Jahren ein Wallone Premierminister werden. Ihm könnte die Regierungsbildung rasch gelingen, da er nicht so wie Leterme an umfangreiche Wahlversprechen und nationalistische Partner gebunden ist. Große Aufgaben stehen aber auch ihm ins Haus – nicht zu Unrecht kritisieren die Flamen die Reformresistenz der Wallonen. Scheitert die Regierungsbildung aber erneut, wird die Teilung Belgiens noch wahrscheinlicher – in zwei Dörfer, die aneinandergrenzen, doch durch Sprache und Mentalität getrennt sind, und die voneinander auch nichts mehr wissen wollen. (Michael Moravec/DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2007)