DER STANDARD: Stimmt das Gerücht, dass Sie Anfang der 1990er als fast 45-Jähriger in der Unterliga bei Hohenau und Kleinwiesendorf mehr verdient haben als davor beim österreichischen Kult-Klub Rapid? Panenka: Ich verstehe die Frage nicht ganz. Das war ja nur Spaß. Es ist normal für einen Mann, am Samstag oder am Sonntag eine Aufgabe zu haben, sonst wird er unausstehlich. Bei mir war die Beschäftigung Fußballspielen. Da ging es nicht ums Geld, sondern um die innere Zufriedenheit eines älteren Herrn. Bei Rapid bin ich finanziell durchaus über die Runden gekommen, man stellte ja damals keine großartigen Ansprüche.

STANDARD: Es geht nicht um die Offenlegung von Gagen. Es soll nur verdeutlichen, wie sehr sich der Fußball und die Welt verändert haben. Ein Spieler Ihres Kalibers würde heute um irrwitzige Summen von Milan oder Barcelona verpflichtet werden. Sie durften aus politischen Gründen nicht ins Ausland, man ließ Sie erst 1981 von Prag nach Wien ziehen.
Panenka: Man musste 32 Jahre alt sein und 45 Länderspiele aufweisen, dann hat sich der Eiserne Vorhang geöffnet. Aber man kann die Zeiten nicht vergleichen. Der Fußball setzt nun gewaltige Summen um. Heute kann ein 16-Jähriger schon ausgesorgt haben. Ich musste nach meiner Karriere weiterarbeiten, konnte mich nicht zurücklehnen. Das mag vielleicht für mich persönlich schade sein, aber ich empfinde keinen Neid, keine Wehmut. Ich habe ein schönes Leben gelebt, wir Fußballer haben im Gegensatz zum Rest das Ausland ja gesehen.

STANDARD: Haben Sie je daran gedacht abzuspringen, um politisches Asyl anzusuchen?
Panenka: Nein, dazu liebte ich die Tschechoslowakei und Prag zu sehr, das war immer meine Heimat. Ich habe mein Leben unter diesen politischen Umständen akzeptiert. Man kannte ja nichts anderes, ich träumte nie von Barcelona oder Real Madrid. Außerdem ist später Wien Wirklichkeit geworden, dafür bin ich dankbar. Wien wurde meine zweite Liebe. Auch deshalb, weil es nahe bei Prag liegt und meiner ersten Liebe ähnlich ist.

STANDARD: Der Tag, der Sie berühmt gemacht hat, war natürlich der 20. Juni 1976, das EM-Finale gegen Deutschland in Belgrad. Ihr geschupfter Elfmeter zum Titelgewinn der Tschechoslowakei ist legendär. Was dachten Sie, als Sie anliefen?
Panenka: Eigentlich gar nichts. Ich habe den Ball einfach mitten aufs Tor gehoben. Wie im Training. Und drinnen war er. Die Torleute werfen sich ja immer in eine Ecke, Sepp Maier machte da keine Ausnahme.

STANDARD: Fühlten Sie sich manchmal auf diese Szene reduziert? War der "Panenka-Heber" ausschließlich Segen oder manchmal auch Fluch?
Panenka: Er war beides. Natürlich hat das Tor mich stolz gemacht, es war ein Wendepunkt, ich habe nichts dagegen, darauf angesprochen zu werden. Andererseits bist du enttäuscht, weil der Penalty den Rest zudeckt. Ich bin nicht nur dieser Elfmeter. Ich spielte immer für die Fans, hatte viel mehr zu bieten. Meine Freistöße, meine Passes, meine Technik, mein Auge, meine Übersicht. Ich war ja auch der Mann mit den Radaraugen, Rapid-Fans wissen das.

STANDARD: Noch einmal zur Entwicklung des Fußball. Fressen die Großen nicht immer mehr die Kleinen auf? Wer das meiste Geld hat, gewinnt.
Panenka: Das ist eine normale Entwicklung. Auch früher gab es Arm und Reich. In der Wirtschaft kaufen jetzt die großen Unternehmen die kleinen Firmen auf, so ist das Leben. Im Fußball hat der Schwache aber wenigstens die Chance, den Starken manchmal zu fordern. Er kann ihn sogar überraschen und ihn schlagen.

STANDARD: Apropos schwach: Verfolgen Sie noch die österreichische Liga?
Panenka: Nur am Rande, aber die Qualität ist gewiss nicht überragend. Es gibt zu viele Legionäre in eurer Liga, aber leider keine außergewöhnlichen. Wir waren noch außergewöhnlich. Ein Legionär muss Klasse haben, er muss sich vom Durchschnitt abheben. Das ist wichtig für die einheimischen Jungen, die können nur von sehr guten Spielern lernen und profitieren.

STANDARD: Gibt es ein Patentrezept, das man jungen Kickern verschreiben kann?
Panenka: Das ist schwierig, jeder Mensch hat eine andere Natur, jeder wächst in einem anderen Umfeld auf. Aber man muss unabhängig davon den Fußball lieben, sich Ziele setzen und diese dann schrittweise verfolgen. Arbeiten, arbeiten, arbeiten, trainieren, trainieren, trainieren. Und natürlich brauchst du Glück. Mitentscheidend für eine positive Entwicklung sind fähige Trainer und gute Berater.

STANDARD: Was trauen Sie Österreich bei der EURO zu? Die Stimmung bei den Fans ist nicht unbedingt euphorisch. Panenka: Natürlich seid ihr Außenseiter, aber das ist eine schöne und dankbare Rolle. Es ist nicht ideal, dass man in der Vorbereitung nur Freundschaftsspiele bestreiten konnte. Aber ich glaube nicht, dass sich Österreich blamiert. Josef Hickersberger ist der richtige Teamchef, er wird etwas Vernünftiges zusammenbringen. Macht euch keine Sorgen, im Nachwuchs ist Österreich schon gut, die EURO kommt halt zu früh. Nach der Europameisterschaft will ich übrigens mit Hickersberger endlich einmal Golf spielen. Er soll ein beachtliches Handicap haben. Das wird spannend. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 3. Dezember 2007)