Will helfen statt strafen, aber mit Strenge: Mückstein.

Foto: Mathias Cremer
STANDARD: Der Tod des kleinen Luca hat in der Öffentlichkeit zu einem Aufschrei geführt, doch Gewalt gegen Kinder ist laut Experten weit verbreitet. Warum nehmen Menschen nur die dramatischen Fälle wahr?

Mückstein: Weil das Problem der Gewalt in Familien von vielen abgespalten wird. So kann das Bild aufrechterhalten werden, dass die Täter jeweils die anderen sind. Doch gewalttätiges Verhalten liegt auf einem breiten Spektrum. Wer leichtere Übergriffe wie verbales Herabwürdigen oder auch die 'gesunde Watschen' duldet, bahnt schweren Übergriffen den Weg.

STANDARD: Wie erklären Sie diese Duldsamkeit?

Mückstein: Weil leichtere Formen der Gewalt gesellschaftlich toleriert werden. Wer Opfer war, wird leicht zum Täter. Wer Gewalt gegen Kinder ausübt, ist als Kind in der Regel selbst gequält worden.

STANDARD: Klingt das nicht fast nach einer Entschuldigung?

Mückstein: Es ist nicht so gemeint. In Psychotherapien gilt zwar das Prinzip 'Helfen vor Strafen' - aber mit der notwendigen Konsequenz.

STANDARD: Was heißt das für Therapien mit Menschen, die Gewalt gegen Kinder ausüben?

Mückstein: Dass der Schutz des Kindes immer Priorität hat - also Auflagen von Gerichten oder Jugendämtern ernstgenommen werden müssen. Und dass der Therapeut präzise herausarbeiten muss, ob der oder die Betreffende das eigene Verhalten kritisch hinterfragen kann.

STANDARD: Kommen solche Patienten überhaupt freiwillig in Therapie?

Mückstein: Manchmal schon, dann ist das Gewaltproblem hinter anderen Symptomen versteckt. Im täglichen Umgang hingegen ist es meist leicht zu bemerken, weil die Betreffenden reizbar und aggressiv sind. Es ärgert mich, wenn so getan wird, als könne man Gewalttaten nicht schon im Vorhinein erkennen. (bri/DER STANDARD – Printausgabe, 4.12.2007)